Rena

Burnout – und dann? 13 11 2018

Ein Familienvater mit zwei niedlichen Mädchen arbeitet als Abteilungsleiter in einem Kaufhaus rund um die Uhr, damit er seine Familie ernähren kann. Seine Frau bleibt bei den Kindern zu Hause, um ihnen über ein paar Jahre einen Grundstock an Erziehung zu vermitteln.
Er ist so tüchtig in seinem Beruf, dass er sich den Neid seines Vorgesetzten zuzieht. Der hat Angst um seinen Job, fürchtet, dass Willi, so heißt unser Mann, ihn überrundet und die Karriereleiter nach oben steigt.

Das kann er natürlich nicht zulassen und fängt Willi zu mobben an; gibt keine oder fehlerhafte Informationen weiter, hetzt die anderen Mitarbeiter auf, untergräbt seine Autorität, indem er Willis Anweisungen an die Mitarbeiter in Frage stellt oder gänzlich umdreht. Willi schweigt anfangs dazu, er kennt sich nicht mehr aus was da läuft.
Als er merkt was der Chef mit ihm macht, ist es schon zu spät. Der Teufelskreis lässt sich nicht mehr stoppen. Willi frisst alles in sich hinein, steigert seine Arbeitsleistung in der Hoffnung, dass Leistung überzeugen wird, vergeblich. Er leidet sehr unter dieser Situation und auch seine Frau versteht nicht, wie sehr er verletzt ist.
Für sie ist das Leben in Ordnung, keine Geldsorgen, die Kinder gedeihen prächtig, nur ihr Mann wird immer eigenartiger, manchmal  schreit er sie an. Die Eheleute streiten, weil Willi mit diesem Frust nicht mehr umgehen kann.
Gesundheitliche Beschwerden machen sich bemerkbar, bis er eines Tages mitten im Büro stehen bleibt. Er kann sich nicht mehr bewegen, er steht und schaut ins Leere. Seine Kollegen hänseln ihn, bis sie merken, dass er wirklich in Not ist. Sie haben ein schlechtes Gewissen und rufen den Notarzt, der weist Willi in eine Klinik ein. Diagnose Burnout.
Er bekommt Tabletten, die ihn ruhig stellen, Tabletten für dies, Tabletten für das und der Seelendoktor behandelt ihn auch, mit mäßigem Erfolg. Die Therapie zieht sich monatelang dahin, seine Seele erholt sich einfach nicht, der Körper streikt noch immer. Ihn quälen Angstattacken, die ihm ein Arbeiten unmöglich machen.

Seine Firma kündigt ihn; sein Ersatz arbeitet sich schon ein. Aber das kratzt ihn nicht, überhaupt ist ihm alles egal, teilnahmslos lässt er alles mit sich machen. In ihm ist keine Freude, keine Trauer, kein Nichts mehr, alles tot.
Die Freunde, die er hatte, ziehen sich langsam aber sicher zurück. Er ist nicht mehr vorzeigbar. Das macht ihn sehr traurig.

Seine Frau versteht nicht, warum er sich nicht zusammen reißt und wieder arbeiten geht; das Geld wird knapp, sie werden das Haus verlieren. Sie erinnert ihn an seine Verantwortung der Familie gegenüber. Ihre Vorwürfe und Forderungen treiben ihn nur noch mehr in den Rückzug.
Schließlich gibt sie ihn auf und lässt sich scheiden; das Haus wird verkauft und die Schulden damit abbezahlt. Ihre Eltern geben der kleinen Familie gerne ein Heim, nur ihren Schwiegersohn wollen sie nicht mehr sehen, der ist ja schließlich für das Unglück ihrer Tochter verantwortlich.

Als Willi halbwegs wieder hergestellt ist, kommt der Tag seiner Entlassung und der
Gedanke – „ was wird jetzt aus mir“?

Kein Job, keine Wohnung, keine Familie, keine Freunde. Wo geh ich hin, wo schlafe ich heute? Er hat nur ein paar Habseligkeiten, eben die, mit denen er eingeliefert wurde, alles andere befindet sich in einem Container, den er erst auslösen müsste, doch womit? Er hat kein Geld, keine Kreditkarte, kein Konto mehr. Alle haben ihn verlassen – er fühlt sich so elend, verstoßen – und krank. Einige Tränen kullern ihm die abgemagerten Wangen hinab. Verstohlen wischt er sie ab – Ein Mann weint nicht. Schweren Herzens bittet er seinen ehemaligen Chef um einen Job, doch der lehnt ab, die Stelle ist schon lange vergeben. Willi bittet um eine andere Arbeit; irgendeine, doch sein Ex  Chef bleibt hart. „Für eine minderwertige Arbeit bist du zu überqualifiziert“ sagt er und schickt ihn weg. Irgendwie haben seine Augen boshaft geglitzert

Eine richtige Bewerbung kann er nicht schreiben, da er keinen Computer besitzt und Empfehlungen stellt keiner seiner ehemaligen Freunde für ihn aus. Sie schämen sich für ihn.
Der Tag vergeht; die Nacht bricht an und er ist noch immer ruhelos auf der Straße auf der Suche nach einem Schlafplatz. Niemand lässt ihn in sein Haus; niemand nimmt ihn auf. Er ist mutterseelenallein.
Als er einsieht, dass er die Nacht auf der Straße verbringen muss, sucht er einen geeigneten Platz zum Schlafen. Dort –  dort ist ein Hauseingang, trocken und genug Platz zum Schlafen; müde macht er es sich auf dem harten Asphalt „bequem“ und schläft sofort ein. Alpträume quälen ihn, ruckartig wacht er auf, seine Seite schmerzt. Da hat ihn der Schuh des Ordnung Hüters getroffen.
„Steh auf und schleich dich, hier gibt’s kein Herumlungern“, schreit ihn dieser an. Verdattert und schlaftrunken packt sich Willi zusammen und trottet die Straße weiter hinab, voller Angst, dass er verprügelt wird.
Langsam begreift er, dass er jetzt ganz unten in der Gesellschaft angekommen ist, dort, wo ihn jeder vertreiben, bestehlen oder verprügeln kann – er ist verloren, er ist vogelfrei; laut schluchzend sucht er das Weite.
Autorin: Rena

Burnout - und dann? 13 11 2018

 

 

 

Schreibe einen Kommentar