Eine lange Nacht und viele schöne Momente! ❤️
Eine lange Nacht und viele schöne Momente! ❤️
Unsere Linz-Tour vom 31. Oktober 2026 – von 16 Uhr bis gegen 2.15 Uhr in der Früh.
Nach der Spendenannahme vom Samstagvormittag, bei der uns einige total nette Menschen mit Spenden überraschten, ging es gegen Mittag ans beladen unseres Busses, für die heutige, vorerst letzte Linz-Tour. Vorerst, denn, wir fahren auch künftig, trotz den Verteil-Donnerstagen, die wir ab nächste Woche, 5.11.2026 wieder regelmäßig jede Woche haben werden, die Linz-Tour, wenn starker Frost und tiefe Temperaturen vorhergesagt wurden. Um unsere Schützlinge weiterhin beim Leben auf der Straße zu unterstützen, ist es unbedingt notwendig, bei tiefen Minusgraden als einzige nächtliche Anlaufstelle in Linz, erreichbar zu sein.
Es gibt Begegnungen, da steht man mitten in einer Lebensmittelausgabe, rundherum warten Menschen, jemand braucht eine Jacke, jemand etwas zu essen, jemand möchte eine Frage stellen – und plötzlich erzählt dir ein Mensch seine Geschichte. Ganz leise. Mit zitternder Stimme. Und für einen kurzen Moment wird alles andere nebensächlich.
Gestern war so ein Abend. Einer, der uns körperlich viel abverlangt hat und der uns emotional wohl noch einige Zeit begleiten wird. Wir haben viele Lebensmittel verteilt, warme Mahlzeiten ausgegeben, Kleidung gesucht, Decken gebracht und Schlafsäcke geholt. Vor allem aber haben wir Menschen getroffen, deren Sorgen und Schicksale man nicht einfach im Lager abstellen kann, wenn die Tour vorbei ist.
Aber beginnen wir von vorne.
Um 15.30 Uhr läutet mein Telefon. Unsere Mel ist dran, ganz aufgelöst.
„Ich kann heute die Linz-Tour nicht mitfahren, mein Auto springt nicht mehr an. Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll, aber ich kümmere mich um Ersatz.“
Liebe Mel, ich habe gehört, wie sehr dich das beschäftigt hat. Du wolltest uns unterstützen und konntest plötzlich selbst nicht weg. Danke, dass du dich trotz deiner eigenen Aufregung gleich darum gekümmert hast, dass wir die Tour gemeinsam schaffen können.
Nur wenige Minuten später meldet sich Michaela. Eigentlich hätte sie uns bei der Essensausgabe unterstützt, jetzt übernimmt sie kurzerhand die ganze Tour.
DANKE, liebe Michi! So spontan einzuspringen und bis weit nach Mitternacht mitzufahren, ist alles andere als selbstverständlich. Ich war wirklich erleichtert.
Zu Mittag hatte ich beim Hofer noch Orangen, Äpfel und Bananen gekauft. Ein bisschen frisches Obst, ein paar Vitamine für unsere Schützlinge – gerade jetzt, wo die Nächte immer kälter und feuchter werden. Das Obst muss noch sortiert, eingepackt und im Bus verstaut werden. Auch die mobilen, akkubetriebenen Kühl- und Tiefkühltruhen kommen mit. Wir wollen für die lange Tour gut vorbereitet sein und auch jene Lebensmittel mitnehmen können, die gekühlt werden müssen.
Gegen 16.15 Uhr ist alles geladen. Verena, Michaela und ich brechen auf. Unser erster Weg führt uns nach Wels, zu Gerald. Wir schauen bei seiner Bushaltestelle nach, halten im Umfeld Ausschau, suchen nach ihm. Leider ohne Erfolg. Gerald ist heute nirgends zu sehen.
Schade. Ich hätte mich gefreut, ein paar Worte mit ihm zu wechseln und zu hören, wie es ihm geht. Wenn man einen Menschen schon länger begleitet, möchte man irgendwann einfach auch wissen, ob er halbwegs gut durch die letzten Tage gekommen ist.
Wir fahren zurück nach Linz. Dort fällt uns sofort das große Polizeiaufgebot auf. Gefühlt stehen an jeder Ecke ein oder zwei Polizeiautos, die Einsatzkräfte haben das Geschehen im Blick.
Bei Marias Würstelstand bleiben wir stehen. Schon von Weitem sehen wir, dass Gabi nicht mehr an dem Platz ist, an dem wir sie in den vergangenen zwei Jahren immer wieder angetroffen haben und an dem sie geschlafen hat.
Wir fragen einen Polizisten nach ihr, aber auch er kann uns nichts Genaues sagen. Beim Tisch im Volksgarten sitzen einige obdachlose Menschen. Vielleicht weiß jemand von ihnen, wo Gabi derzeit ist? Leider bekommen wir auch hier keine Antwort.
Diese Ungewissheit nehmen wir mit. Wir hoffen sehr, dass es ihr gut geht und wir sie bald wiedersehen.
Langsam beginnt es zu regnen. Wir gehen durch den Volksgarten und weiter zum Schillerpark, schauen an den vertrauten Plätzen nach, aber heute treffen wir dort niemanden unserer Schützlinge an. Also zurück zum Bus und weiter zum Bahnhof.
Dort setzen wir unseren Rundgang fort. Bei einer Bank sitzen einige obdachlose Menschen, wir bleiben stehen, unterhalten uns ein wenig und gehen anschließend Richtung Bahnhofshalle. Wir treffen Ritchie, Lenny, Tanja und einige andere bekannte Gesichter.
Bevor die große Ausgabe beginnt, holen wir uns beim Leberkäs-Pepi eine Leberkässemmel. Für unsere Schützlinge nehmen wir gleich noch zehn Semmeln mit, die wir auf dem Rückweg Großteils verteilen.
Eine warme Leberkässemmel in der Hand, ein Lächeln im Gesicht und ein inniges „Danke“. Solche kleinen Begegnungen tun gut. Man bleibt kurz beieinanderstehen, fragt nach, hört zu und geht dann weiter.
Auch in der Bahnhofsgarage schauen wir nach. Dort, wo früher Menschen übernachtet haben, ist heute niemand mehr. Wie uns berichtet wird, werden die Schlafplätze mittlerweile täglich durch die Security geräumt. Wo die Menschen dann ihre nächste Nacht verbringen, bleibt die bedrückende Frage.
Auf dem Rückweg begegnen wir Marcel und Gerry. Beide versprechen mir, später zum Bus zu kommen.
„Wir sehen uns nachher“, sage ich noch.
Beim Bus warten inzwischen schon ungefähr 20 bis 30 Personen. Wir warten ebenfalls noch – auf Vickerl und Patrick, die heute eine ganz besondere Spende bringen.
Für 18.30 Uhr hat sich Vickerl angekündigt. Im „Sportbuffet Vickerl“ im Flötzerweg in 4030 Linz hat er für unsere Schützlinge gekocht: ein indisches Schichtfleisch mit Reis und Hühnerfleisch für über 100 Personen!
Und dann kommen die beiden mit diesem riesigen Topf. Bis obenhin gefüllt, herrlich duftend und, wie sich gleich herausstellt, sensationell gut.
Lieber Vickerl, vielen, vielen Dank für diese wunderbare Spende! Für so viele Menschen einzukaufen, vorzubereiten und zu kochen, ist eine Menge Arbeit. Dass du dir diese Arbeit für unsere Schützlinge gemacht hast, wissen wir sehr zu schätzen. An diesem nasskalten Abend eine warme, frisch gekochte Mahlzeit ausgeben zu können, war eine große Freude.
Patrick hilft beim Anliefern und bringt uns außerdem noch einen riesigen Karton mit wertvollen, haltbaren Lebensmitteln mit. Sugo, Nudeln und vieles mehr – genau solche Dinge brauchen wir dringend für unsere Ausgaben.
Auch dir ein ganz herzliches Dankeschön, lieber Patrick! Es ist schön, wenn Menschen mitdenken, anpacken und uns auf diese Weise unterstützen. ❤️
Bevor wir mit der Ausgabe beginnen, verteilen wir die Informationszettel für unsere kommenden Verteil-Donnerstage, beginnend mit 5.11.2026. Darauf stehen die genauen Zeiten und die Angaben dazu, wo und wann wir künftig zu finden sind.
Ich bitte die Wartenden etwas näher zu mir und erkläre, wie wichtig ein ruhiger und respektvoller Ablauf in unseren neuen Räumen ist. Wir haben endlich wieder einen Platz gefunden, an dem wir helfen können. Diesen Platz möchten wir erhalten, und dafür brauchen wir die Mithilfe aller, auch mit Rücksicht auf den Vermieter und das Umfeld. Die Menschen hören zu und versprechen, darauf zu achten. Das bedeutet mir viel.
Jetzt aber kommt Vickerls Essen an die Reihe!
Wir geben Portion um Portion aus. Manche essen gleich vor Ort, andere nehmen sich etwas mit. Dafür haben wir ausreichend Behälter eingepackt. Das Reisfleisch kommt wunderbar an, und fast alle möchten noch eine zweite Portion mitnehmen. Es freut mich ungemein zu sehen, wie gut es den Menschen schmeckt. Lieber Vickerl, du hättest die vielen zufriedenen Gesichter sehen sollen!
Während die Meisten noch essen, beginnen wir mit der Lebensmittelausgabe aus dem Bus. Es wird eng. Viele stehen so nahe bei uns, dass wir kaum mehr Platz zum Arbeiten haben. Ich bitte alle, einen Schritt zurückzugehen, und die Bitte wird angenommen.
Verena übernimmt die Ausgabe im Bus. Michaela kümmert sich hinten um die gekühlten und tiefgekühlten Lebensmittel. Ich helfe Verena mit Obst und Gemüse und versuche gleichzeitig, für Fragen und Gespräche da zu sein.
Es ist viel los. Sehr viel.
Und mitten in dieser Ausgabe lerne ich Michael, ein neuer Obdachloser, näher kennen.
Er ist noch nicht lange obdachlos, ein Mann um die 40, der sehr leise spricht. Neben der Ausgabe fragt er mich, warum ich das eigentlich mache. Warum ich mich um obdachlose Menschen kümmere, was meine Motivation sei.
Ich erzähle ihm, dass ich selbst mit 18 Jahren, frisch aus dem Heim entlassen, knapp vier Wochen obdachlos war. Dass ich schon damals den Wunsch hatte, irgendwann anderen Menschen in dieser Situation zu helfen, wenn ich die Zeit und die Kraft dafür habe.
Michael hört zu. Dann beginnt er, mir von sich zu erzählen.
„Weißt du, Walter, ich hatte alles. Familie, zwei große Autos, ein Haus und viele Freunde.“
Innerhalb weniger Monate, sagt er, sei ihm all das verloren gegangen. Seine Kinder könne er nicht mehr sehen, seine Familie meide ihn. Er verstehe selbst noch nicht, wie sein Leben so schnell auseinanderbrechen konnte.
Ich stehe vor ihm und merke, wie sehr ihn das alles trifft. Seine Stimme ist leise, er zittert, und dann spricht er über etwas, das ihm zusätzlich Angst macht: den Einkommensnachweis, den wir ab dem kommenden Donnerstag brauchen.
Für ihn wirkt dieser Zettel wie eine Hürde, die er gerade nicht überwinden kann. Er sagt, ihm fehle die Kraft, zur ÖGK zu gehen und sich den benötigten Versicherungsdatenauszug zu holen. Er fürchtet, dann bei uns nichts mehr zu bekommen. „Mach dir bitte keine Sorgen“, sage ich ihm. „Wir gehen gemeinsam hin und kümmern uns darum.“ Da lächelt Michael. Zum ersten Mal, seit ich ihn an diesem Abend gesehen und kennengelernt habe.
Ich erkläre ihm, dass wir ihn mit dieser Aufgabe nicht allein lassen und gemeinsam nach einer Lösung schauen. Dass er jetzt erst einmal etwas zu essen bekommt und keine Angst haben muss, heute leer auszugehen.
Dann umarmt er mich.
„Ihr seid’s a Wahnsinn. Danke, dass ihr da seid für uns. Für mich.“
Puh. Da ist mein Hals plötzlich so fest zugeschnürt, dass ich kaum mehr ein Wort herausbringe. Ich kämpfe mit den Tränen und versuche gleichzeitig, ihm noch etwas Mut mitzugeben. „Michael, bitte gib nicht auf. Wir gehen den nächsten Schritt gemeinsam“.
Er antwortet mit einem kleinen Lächeln. Dieses Lächeln bleibt mir.
Neben ihm warten S., Frau M. und Heidi. Die lange Wartezeit in diesem nasskalten Wetter setzt ihnen zu. Ich hole sie nach vorne, damit sie möglichst bald versorgt sind und nicht länger frieren müssen.
Für Frau M. darf ich eine zweckgewidmete Spende aus Tirol übergeben: 200 Euro, die ausdrücklich für sie bestimmt sind. Ich schreibe eine Quittung, lasse sie unterschreiben und überreiche ihr das Geld.
Ihre Dankbarkeit berührt mich sehr. Frau M. ist so bescheiden, so zurückhaltend, und dabei muss sie seit Langem so viel ertragen. Ich weiß oft nicht, woher sie die Kraft dafür nimmt.
An die lieben Spender*innen aus Tirol: Eure Hilfe ist angekommen. Direkt bei jener Frau, für die ihr sie bestimmt habt. Habt großen Dank dafür!
Auch H. bedankt sich mehrmals, dass sie Lebensmittel mitnehmen darf. Sie ist schwer an Krebs erkrankt und muss mit einer sehr kleinen Pension auskommen. Wenn die laufenden Zahlungen erledigt sind, bleibt zu wenig zum Leben.
Wir packen ausreichend Lebensmittel für die nächste Woche ein. Und während sie sich immer wieder bedankt, denke ich mir, wie schwer es sein muss, neben einer solchen Krankheit auch noch ständig rechnen und überlegen zu müssen, ob das Geld für das Nötigste reicht.
An diesem Abend hören wir so oft „Danke“, dass ich beinahe verlegen werde. Niemand muss sich bei uns rechtfertigen, weil er Hunger hat oder Unterstützung braucht.
Die allermeisten warten trotz der Kälte und des Andrangs geduldig. Bei einem unserer Besucher muss ich mehrmals um einen ruhigeren Ton bitten. Ich verstehe, dass die Lebensumstände an den Nerven zehren. Trotzdem brauchen wir einen respektvollen Umgang miteinander, damit sich alle sicher fühlen und wir unsere Arbeit machen können.
In der Schlange sehe ich Menschen mit kaputter Kleidung, mit Schuhen, die ihre Füße kaum noch vor der Nässe schützen. Die Kleidungsausgabe muss heute noch ein wenig warten, zuerst versorgen wir alle mit Lebensmitteln.
Raphael steht mit seinem „Kampfschmuser“ ebenfalls dabei. Er braucht nur Hundefutter. Ich bitte Verena, mir welches herauszugeben, damit die beiden nicht unnötig lange warten müssen.
Ob danach das Hunderl sein Herrl nach Hause zieht oder umgekehrt, lassen wir einmal offen. Ein kleiner heiterer Moment mitten im Trubel tut uns allen gut. 🙂
Dann kommt eine Frau zu uns, die ihr Auto voller Lebensmittel hat. Kuchen, Obst und vieles mehr. Sie hat diese Lebensmittel gerettet und möchte, dass wir sie gleich an die wartenden Menschen weitergeben.
Was für eine schöne Geste!
Ich fülle eine Box nach der anderen, biete die Sachen an und komme mir zwischendurch schon wie ein Marktschreier vor. Kaum ist etwas hergerichtet, ist es auch schon wieder verteilt.
Liebe unbekannte Spenderin, vielen herzlichen Dank! Du hast an diesem Abend ganz unmittelbar geholfen. Die geretteten Lebensmittel wurden dringend gebraucht und sehr gerne angenommen.
Mittlerweile ist es nach 20 Uhr. Seit ungefähr 18.45 Uhr läuft die Lebensmittelausgabe, und noch immer warten etwa 25 Personen.
Wir arbeiten durch, greifen in die Boxen, füllen Taschen und Rucksäcke, beantworten Fragen und versuchen, bei all dem Tempo jedem Menschen aufmerksam zu begegnen. So anstrengend war es hier am Bahnhof schon lange nicht mehr.
Dazwischen immer wieder ein Blick, ein Lächeln, ein paar freundliche Worte. Viele zeigen uns sehr deutlich, wie viel ihnen unsere Hilfe bedeutet. Das gibt Kraft, auch wenn die eigene langsam weniger wird.
Gerry und Marcel sind bisher nicht gekommen. Ich vermute, die Warteschlange war ihnen zu lang. Zumindest Gerry werden wir später in dieser Nacht noch einmal begegnen.
Gegen 20.30 Uhr sind schließlich alle Wartenden versorgt. Für ein paar Minuten lassen wir die Schultern sinken und atmen durch. Dann wird wieder eingeräumt und zusammengepackt. Einige unserer Schützlinge warten noch an anderen Plätzen auf uns.
Unsere nächste Station führt uns zu G. beim P.-H.-Center. Er freut sich, uns zu sehen, und sein Glaube gibt ihm offenbar viel Halt.
Gerne hätte er Adidas-Sportschuhe. Ich erkläre ihm, dass wir heute leider keine Sportschuhe mehr dabeihaben und auch keine bestimmte Marke versprechen können. Eine warme Winterjacke können wir ihm aber geben, dazu haltbare Lebensmittel.
Darüber freut er sich sehr. Wir verabschieden uns und fahren weiter.
Unter der Autobahnbrücke schauen wir nach M. Er ist heute nicht da, sein Bett ist allerdings wieder aufgestellt.
Im Zusammenhang mit diesem Platz wurden uns Bedrohungen und sexuelle Belästigungen geschildert. Das nehmen wir ernst. Ich habe bereits deutlich angesprochen, dass solche Übergriffe nicht hingenommen werden können. Niemand soll an einem ohnehin unsicheren Schlafplatz auch noch Angst vor anderen Menschen haben müssen. Wir werden weiter nachsehen und die Sorgen der Betroffenen im Blick behalten.
Danach geht es zu Peter beim Pleschingersee. Auch ihn haben wir in den vergangenen Wochen regelmäßig besucht und mit dem versorgt, was wir zur Verfügung haben.
Heute ist die Begegnung schwierig. Kaum haben wir ihm die Lebensmittel gebracht, kommen weitere Forderungen und Vorwürfe. Ich versuche zu erklären, dass wir helfen, so gut wir können, aber nicht jeden Wunsch erfüllen können. Leider kommen wir in kein richtiges Gespräch. Nach einigen Minuten merke ich, dass ich mit meinen Worten nicht zu ihm durchdringe, und beende den Besuch.
Das fühlt sich nicht gut an. Ich möchte unsere Begegnungen gerne mit einem freundlichen Wort abschließen. Aber auch wir haben Grenzen. Wir brauchen einen respektvollen Umgang und müssen sagen dürfen, wenn etwas unsere Möglichkeiten übersteigt.
Zurück beim Bus merke ich, wie sehr ich inzwischen ausgekühlt bin. Am Bahnhof habe ich meinen Anorak zu spät angezogen. Während der Ausgabe war so viel zu tun, dass ich die Kälte kaum wahrgenommen habe.
Jetzt ist sie da.
Es ist ungefähr 22.20 Uhr, und wir gönnen uns an einer Tankstelle einen Kaffee und ein paar Minuten Pause. Wir reden über die bisherigen Begegnungen, über das, was uns beschäftigt, und können miteinander auch wieder lachen.
Ich bin froh, Verena und Michaela an meiner Seite zu haben. Wir verstehen uns, helfen zusammen und können auch aussprechen, wenn uns etwas nahegeht.
Um 22.50 Uhr fahren wir weiter. Beim Brucknerhaus treffen wir mehrere obdachlose Menschen, die sich sehr freuen, dass wir noch kommen. Eine Frau geht mit uns zum Bus und nimmt für die anderen ausreichend Essen mit. Auch von Vickerls Schichtfleisch ist noch etwas da, das wir weiterhin warmhalten.
Die Frau braucht außerdem dringend Kleidung. Ihre Jacke und ihre Schuhe bieten keinen ausreichenden Schutz mehr und sind kaputt. Bei diesem Wetter kann sie so nicht bleiben.
Wir suchen eine warme Jacke und passende, wasserfeste Schuhe für sie heraus. Als sie die Sachen bekommt, faltet sie die Hände, verbeugt sich mehrmals und sagt immer wieder „Dankeschön“.
Diese stille, berührte Art geht mir sehr nahe. Ich bin froh, dass wir das Passende dabeihaben.
Von dort fahren wir zur Nibelungenbrücke. Heute treffen wir niemanden an.
Eigentlich könnten wir nun die letzten Stationen ansteuern. Aber irgendetwas lässt mir keine Ruhe. „Ich möchte noch einmal zum Bahnhof schauen“, sage ich zu den beiden. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Michi und Verena bestärken mich darin. Also fahren wir noch einmal zurück. Und ich bin sehr froh, dass wir das getan haben.
Als wir zu Ritchie in den Bahnhofsvorpark gehen, sehe ich schon von Weitem, dass seine Decke völlig durchnässt ist. Dabei hatten wir ihm diese erst an diesem Abend bringen lassen. So kann er die Nacht nicht verbringen.
Ich gehe zum Bus zurück und hole eine Gewebeplane und eine neue, trockene Decke. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass er sich wieder trocken zudecken kann und besser vor der Nässe geschützt ist. „Ihr seid die Besten. Danke, Walter, und danke an dein ganzes Team“, sagt er. Lieber Ritchie, wir hoffen sehr, dass die Plane dir hilft, die kommenden Nächte trockener zu überstehen. Pass bitte gut auf dich auf. Auf dem Rückweg sehen wir Gerry liegen.
Wir gehen zu ihm und sprechen ihn an. Er schläft tief und liegt direkt auf dem kalten Asphalt. So möchten wir ihn nicht zurücklassen.
Also wieder zum Bus. Wir holen eine Isomatte, eine Decke und einen warmen Winterschlafsack. In der Nähe stehen vier junge Männer. Ich frage sie, ob sie uns bitte helfen würden, Gerry vorsichtig in den Schlafsack zu betten. „Klar helfen wir.“ Ohne lange zu überlegen, packen sie mit an. Einer fragt, ob wir das beruflich oder ehrenamtlich machen. „Ehrenamtlich“, antworte ich. „Wow. Großen Respekt dafür.“ Diesen Respekt möchte ich euch zurückgeben, ihr vier. Danke, dass ihr sofort geholfen habt!
Während wir Gerry warm einpacken, wird er wach. Zuerst kennt er sich sichtlich nicht aus, dann erkennt er uns und bedankt sich.
Jetzt ist er besser gegen die Kälte geschützt. Auch Ritchie ist trocken versorgt. Mit einem etwas ruhigeren Gefühl gehen wir zum Bus zurück.
Mittlerweile ist es ungefähr 0.30 Uhr. Unsere Tour führt uns weiter zu Tony in die Neue Heimat.
Er öffnet uns und erzählt, dass er gestürzt ist und sich an der Hüfte stark wehgetan hat. Er kann kaum ordentlich gehen und hat offensichtlich Schmerzen.
Tony berichtet uns, er sei im Krankenhaus gewesen und nach der Frage nach seiner Krankenversicherung, die er verneinen musste, rasch mit Krücken wieder entlassen worden. Nach seiner Schilderung habe er nicht die Behandlung erhalten, die er sich wegen seiner Schmerzen erhofft hatte.
Was genau im Krankenhaus passiert ist, können wir nicht beurteilen. Vor uns steht aber ein Mensch, der Schmerzen hat und sich mit seiner Situation sehr allein fühlt. Das beschäftigt mich.
Wir haben seine Kekse dabei und gespendete Zigaretten. Wir bleiben noch kurz bei ihm, hören ihm zu und lassen ihn dann wieder ins Bett gehen.
Tony ist ein ganz besonderer Mensch. Wir wünschen ihm von Herzen, dass es ihm bald besser geht, und verabschieden uns für diese Nacht.
Gegen 1 Uhr brechen wir zur letzten Station auf: zu Hansi und Oliver.
Hansi hat schon geschlafen, meldet sich aber gleich. Oliver ist noch wach. Die beiden kommen mit zum Bus, und wir füllen ihre Rucksäcke mit Lebensmitteln, packen Gaskartuschen und die Dinge dazu, die sie brauchen.
Für Oliver gibt es auch noch eine Portion von Vickerls indischem Schichtfleisch. Hansi lehnt freundlich ab, weil er Sorge hat, es nicht zu vertragen. Dafür finden sich Schokolade, Süßigkeiten und Knabbereien, über die er sich freut.
Noch ein paar Worte, noch ein bisschen plaudern. Nach all den schweren Eindrücken tut dieser vertraute Abschluss gut.
Um ungefähr 1.30 Uhr packen wir zusammen und fahren ins Lager nach Ansfelden.
Dort wartet noch der letzte Teil der Arbeit. Der Bus wird ausgeladen, die verbliebenen Lebensmittel werden wieder ordentlich eingelagert. Wir waschen Vickerls großen Kochtopf, reinigen die mobilen Kühltruhen und bringen alles an seinen Platz zurück.
Auch das gehört zu jeder Tour dazu. Erst wenn alles versorgt und sauber ist, können wir heimfahren.
Gegen 2.15 Uhr sind wir am Ende dieser langen Nacht angekommen. Ich bin müde, ziemlich ausgelaugt und gleichzeitig innerlich noch hellwach. Das Adrenalin ist noch da, die Gespräche sind noch da. Michaels Worte gehen mir durch den Kopf. Die nasse Decke von Ritchie. Gerry auf dem Asphalt. Die Frau mit ihren neuen Schuhen. Tonys Schmerzen.
Und ebenso die vielen Menschen, die uns unterstützt haben. Vickerl mit seinem riesigen Topf. Patrick mit den haltbaren Lebensmitteln. Die Frau mit den geretteten Spenden. Die vier jungen Männer, die Gerry geholfen haben. Verena und Michaela, die Stunde um Stunde mit mir angepackt haben.
Diese Nacht war anstrengend. Aber wir fahren mit einem guten, tiefen Gefühl nach Hause.
Wir konnten vielen Menschen helfen. Sie haben Lebensmittel für die nächsten Tage, eine warme Mahlzeit gegessen, eine Jacke bekommen oder können besser geschützt schlafen. Mit manchen haben wir länger gesprochen, anderen konnten wir zumindest für einen Moment zeigen, dass wir an sie denken.
Liebe Verena, liebe Michaela, DANKE, dass ihr diese lange Linz-Tour mit mir gefahren seid. Danke für eure Geduld, eure Aufmerksamkeit und dafür, dass ihr auch spät in der Nacht noch bereit wart, einen zusätzlichen Weg zu gehen und noch einmal nachzuschauen. Ich bin sehr froh, euch im Team zu haben. ❤️
Lieber Vickerl, lieber Patrick, danke für eure großartigen Spenden und euren Einsatz. Ihr habt an diesem Abend so viel Freude bereitet und ganz konkret dabei geholfen, viele Menschen satt zu machen.
Und euch allen, liebe Spender*innen, Unterstützer*innen und Freund*innen unserer Obdachlosenhilfsaktion, gilt unser aufrichtiger Dank.
Was ihr uns an Spenden anvertraut, dürfen wir direkt weitergeben. Wir sehen die Gesichter der Menschen, bei denen eure Hilfe direkt ankommt. Wir hören ihre Geschichten und ihren Dank. Diesen Dank möchten wir mit euch teilen. Ohne euch könnten wir diese Touren nicht fahren und diese Hilfe nicht leisten.
Danke für euer Vertrauen. Danke für eure Treue. Danke, dass wir in eurem Namen dort helfen dürfen, wo Hilfe dringend gebraucht wird.
Gott segne euch! ❤️
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