Unwahrheiten und andere Lügen!
Unwahrheiten und andere Lügen!
Verteil-Donnerstag vom 22.1.2026
Obdachlos oder Wohnungslos
In der Praxis wird aber unterschieden, weil viele Lebenslagen und damit auch die passende Hilfe unterschiedlich sind. Obdachlos meint in der Regel, dass keine Unterkunft vorhanden ist, Schlafen im öffentlichen Raum oder an Orten, die nicht zum Wohnen gedacht sind. Wohnungslos hingegen bedeutet aber, keine eigene Wohnung, Unterbringung in Notquartieren oder Übergangseinrichtungen oder irgendwelchen anderen instabilen Wohnmöglichkeiten. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sich daraus ableitet wo die Hilfe anzusetzen hat.
Wie viele Menschen sind in Österreich aktuell ohne eigene Wohnung und was bedeutet registriert
Für 2024 weist die Statistik Austria 21.073 Personen als registriert obdach- oder wohnungslos aus. „Registriert“ heißt z.B., diese Menschen sind in einem System (z. B. über Einrichtungen, Anlaufstelle oder Behörden) angelegt und erfasst worden, es ist also eine belastbare Zahl. Gleichzeitig ist es aber auch zutreffend, dass die Statistik nicht alle Betroffenen abbildet und erfasst, weil „verdeckte“ Situationen (kurzfristige Notlösungen ohne Kontakt zu Hilfesystemen) oft nicht registriert werden. Darum sprechen seriöse Quellen regelmäßig davon, dass es neben den registrierten Wohnungs- und Obdachlosen, auch eine sehr hohe Dunkelziffer gibt, die sich nicht exakt beziffern lässt, aber absolut real ist.
Warum sieht und erkennt man nur einen Teil der Betroffenen auf der Straße
Weil viele Menschen alles daransetzen, nicht sichtbar obdachlos zu werden bzw. bei Obdachlosigkeit, für andere Menschen nicht sichtbar zu sein. Wer z.B. zeitweise bei Bekannten unterkommt, in einem überfüllten Zimmer mitschläft oder wechselnde instabile Möglichkeiten bei Freunden oder Bekannten nutzt, ist in der Öffentlichkeit kaum als Obdachloser oder Wohnungsloser erkennbar. Dazu kommen Scham, Angst vor Stigma, Sorge um die eigenen Kinder oder den Arbeitsplatz. All das führt dazu, dass Menschen versuchen, „normal“ zu wirken. Gerade Frauen trifft dieses Schicksal öfters, sie sind in vielen Analysen öfter verdeckt wohnungslos, weil sie eher in unsicheren Arrangements bleiben, statt im öffentlichen Raum zu schlafen. Das erklärt eindringlich, warum Obdach- und Wohnungslosigkeit nicht immer sichtbar sein muss oder sichtbar ist..
Was bedeutet verdeckt wohnungslos
„Verdeckt“ heißt in diesem Zusammenhang keine eigene, gesicherte Wohnung, aber auch nicht (dauerhaft) auf der Straße. Typische Beispiele sind Couchsurfing, kurzfristiges Unterkommen bei Freund*innen oder Bekannten, Nächte in Autos, vorübergehend in Pensionen als Notlösungen oder das „Ausharren“ in ungesunden, überbelegten oder konflikthaften Wohnverhältnissen, weil die Alternative vielleicht noch bedrohlicher wirkt. Für Betroffene ist das häufig ein Zustand permanenter Unsicherheit. Man weiß nicht, ob man morgen noch bleiben darf, kann kaum planen und lebt oft in Abhängigkeiten, die im Besonderen gegenüber wohnungslosen Frauen fast immer schamlos ausgenutzt werden. Genau diese Unsicherheit ist ein wesentlicher Grund, warum verdeckte Wohnungslosigkeit seelisch und psychisch so belastend ist.
Warum ist ein fixer Hauptwohnsitz so entscheidend
Eine Adresse ist in Österreich praktisch eine Zugangsvoraussetzung für vieles. Behördliche Kommunikation, Zustellung von Bescheiden, Nachweisbarkeit, häufig auch für Konto- oder Vertragsfragen und für verlässliche Erreichbarkeit oder ein neues Arbeitsverhältnis. Wenn Menschen keine stabile Adresse haben, entsteht ein Dominoeffekt. Fristen werden versäumt, Unterlagen gehen verloren, Termine sind viel schwerer zu organisieren.
Warum ist Wohnungslosigkeit mehr als …
Weil Wohnen der Anker für fast alles ist, für Schlaf und Sicherheit, für Hygiene und der Aufbewahrung persönlicher Dinge, Regeneration, Privatsphäre, planbarer Alltag. Wenn dieser Anker fehlt, werden Gesundheitsprobleme immer wahrscheinlicher und immer größer.
Welche Auslöser führen in Österreich besonders häufig in Wohnungslosigkeit
In der Praxis ist es selten „ nur ein Grund“, sondern eine ganze Kette. Miet- oder Betriebskostenrückstände, Trennung, Jobverlust, Krankheit, psychische Krisen, Überschuldung oder Gewalt. Gerade jetzt verschärfen Wohnungsmarkt, Teuerung und knapper leistbarer Wohnraum die Situation extrem, weil schon kleine Teuerungen große Folgen haben können. Programme zur Delogierungsprävention und einer Wohnungssicherung setzen daher gezielt dort an, wo es meistens kippt. Bei offenen Zahlungsrückständen, drohendem Wohnungsverlust oder beim Umzug in leistbaren Wohnraum.
Wie stark treiben Mietrückstände und Delogierungsrisiken die Entwicklung
Mietrückstände sind oft jener Punkt, an dem aus einer „angespannten“ Situation plötzlich eine „existenzbedrohende“ wird. Sobald Rückstände entstehen, kommen Mahnkosten, Druck, manchmal Verfahren und damit steigt die psychische Belastung, während gleichzeitig die Lösungsangebote schrumpfen.
Welche Rolle spielen befristete Mietverträge, steigende Mieten und Teuerung
Befristete Verträge erhöhen Unsicherheit, weil die Wohnsituation planbar wirkt, aber rechtlich rasch enden kann. Steigende Mieten, hohe Betriebskosten und stark gestiegene Energiepreise drücken vor allem Haushalte ohne Rücklagen in eine Notlage. Eine Nachzahlung oder ein kurzer Einkommensausfall kann reichen, um Rückstände auszulösen. Zusätzlich wird die Wohnungssuche nach einer Krise schwerer, weil Vermieter zusätzliche Sicherheiten verlangen, die viele Betroffene nicht haben.
Warum können auch Menschen mit Arbeit wohnungslos werden
Arbeit schützt nur dann, wenn Einkommen und Wohnkosten in einem realistischen Verhältnis stehen. Bei niedrigen oder schwankenden Einkommen, Teilzeit, befristeten Jobs oder hohe Fixkosten können ein kleiner Bruch sein (Krankheit, Trennung, Nachzahlung), und die Balance völlig zerstören. Dazu kommen Startkosten wie Kaution, Umzug, Erstausstattung, die in einer Krise selten gänzlich finanzierbar sind. Deshalb ist „working poor“ im Wohnthema ein extrem wichtiges.
Welche Gruppen sind besonders gefährdet
Gefährdung entsteht, wenn mehrere Risikofaktoren zusammentreffen. Geringes Einkommen, gesundheitliche Probleme, Überschuldung oder offene unbezahlte Rechnungen, fehlendes soziales Netz, überbordende Gewalt, instabile Jobs, schwieriger Zugang zu Wohnraum.
Welche Rolle spielt Gewalt
Gewalt ist häufig ein unmittelbarer Auslöser für Wohnungsverlust. Menschen verlassen eine Wohnung, um sicher zu sein, und verlieren dadurch Stabilität, Einkommen oder Netzwerke. Besonders bei Frauen bedeutet das oft zunächst verdeckte Wohnungslosigkeit, um nicht im öffentlichen Raum als Obdachlose zu landen.
Wie hängen Schulden, Pfändungen und Wohnungslosigkeit zusammen
Schulden können Ursache sein (Rückstände, Inkasso, Verfahrenskosten) und Folge (teurer Alltag ohne Küche und/oder Waschmaschine, Ersatzkäufe nach Verlust). Pfändungen können trotz bestehendem Arbeitsverhältnis dazu führen, dass zu wenig für Miete bleibt. Gleichzeitig erschweren Schulden und negative Bonität die Wohnungssuche, weil Vermieter zusätzliche Sicherheiten verlangen.
Wie hängen psychische Erkrankungen und Wohnungslosigkeit zusammen
Beides beeinflusst sich gegenseitig. Psychische Belastungen können dazu führen, Termine, Kommunikation, Arbeit und Behördenwege nicht mehr bewältigen zu können und damit die eigene Wohnstabilität gefährden. Umgekehrt verschärft Wohnungslosigkeit psychische Symptome durch Schlafmangel, Unsicherheit und diverse Gefahren. Deshalb betont Housing First z.B. erst Wohnen stabilisieren, dann Betreuung/Therapie so organisieren, dass sie im wirklichen Leben belastbar und tragfähig ist.
Welche Rolle spielt Sucht
Sucht kommt vor, aber sie erklärt Wohnungs- oder Obdachlosigkeit nicht persè pauschal. In vielen Biografien ist sie Teil einer Belastungskette. „Erst abstinent, dann Wohnung“ scheitert oft an der Realität, Therapie braucht hohe Stabilität, die ohne Wohnung schwer erreichbar ist. Housing-First-Ansätze setzen daher auf eine Wohnung als Basis und kombinieren sie mit freiwilliger, passender und annehmbarer Unterstützung.
Warum sind Kaution, Umzug und Erstausstattung so große Hürden
Weil sie einmalig hohe Kosten verursachen, die in einer Krise selten vorhanden sind. Selbst wenn die laufende Miete leistbar wäre, scheitert der Neustart an einer Kaution, am Transport der Möbeln und den Haushaltsgeräten, oft auch an offenen Altlasten. Dazu kommt auch noch, wer keine stabile Bonität hat, braucht manchmal zusätzliche Sicherheiten (Bürgschaft), die natürlich fehlen.
Was ist das Härteste am Leben ohne sicheren Schlafplatz, jenseits von Kälte
Viele Betroffene beschreiben nicht nur Kälte oder Hitze, sondern vor allem die permanente Unsicherheit wie: „Wo schlafe ich heute? Bin ich dort sicher? Was passiert mit meinen Sachen?“ Diese Unsicherheit erzeugt Dauerstress, der die Psyche und den Körper erschöpft. Gleichzeitig sind viele Betroffene ständig gezwungen, „funktional“ zu wirken, obwohl die Grundlage fehlt.
Warum gehen Dokumente und wichtige Dinge so häufig verloren, und was sind die Folgen
Ohne Wohnung gibt es keinen geschützten Aufbewahrungsort für persönliche Sachen. Alles muss mitgetragen werden, Ausweis, Bankkarte, Medikamente, Handy, Unterlagen. Diebstahl, Nässe, Verlust oder Beschädigung passieren dadurch deutlich leichter. Die Folgen sind gravierend, ein Ausweisverlust erschwert Anträge, ohne Handy ist Erreichbarkeit schwierig, ohne Unterlagen fehlen Nachweise und genau das verlängert Krisen. Darum ist praktische Unterstützung (z.B. neue Dokumente zu beschaffen), oft ein zentraler Bestandteil von Hilfe.
Warum sind Hygiene, Wäsche und Sanitärzugang so zentral für Würde und Teilhabe
Hygiene ist Gesundheitsvorsorge und zugleich soziale Teilhabe. Wer keine Möglichkeit hat zu duschen, Wäsche zu waschen und Toiletten sicher zu nutzen, wird schneller ausgeschlossen und beschämt als andere. Hygiene ist auch wegen der „Ansteckungsgefahren“ ein großer Ausschlußgrund, dass man sich mit mitgebrachtem „Ungeziefer“ ansteckt.
Warum ist „Arbeitsfähigkeit“ ohne Wohnung oft schwer herzustellen
Arbeit verlangt Pünktlichkeit, Schlaf, planbare Wege, gepflegtes Auftreten, Erreichbarkeit, manchmal auch Lagerung von Arbeitskleidung. Ohne Wohnung ist das alles nicht möglich. Dazu kommt ein wesentlicher Grund, der oft als Ausschluß gilt. Wer keine Adresse hat, wird schneller aussortiert. Viele Betroffene wollen arbeiten oder arbeiten tatsächlich, aber die Wahrscheinlichkeit dass man erfolgreich hilft, steigt stark, wenn zuerst Wohn- und Lebensstabilität hergestellt wird.
Welche bürokratischen Hürden sind in Österreich besonders kritisch
Wenn Menschen keine sichere Adresse, kein Handy oder keine Dokumente haben, sind selbst einfache Prozesse um ein vielfaches schwerer oder gar unmöglich. Deshalb ist permanente „Begleitung“ so wichtig, nicht, weil Betroffene unfähig wären, sondern weil die Situation willkürliche Bürokratie erst möglich macht und dadurch um ein vielfaches erschwert.
Welche Rolle spielen Haustiere und warum ist das oft ein harter Zielkonflikt
Haustiere sind für viele Betroffene Bindung, Sinn und emotionale Stabilität. Gleichzeitig sind Unterkünfte nicht immer darauf ausgelegt, Haustiere zuzulassen. Das führt zu Entscheidungen, die Außenstehende oft hoffnungslos unterschätzen. Für manche ist das Tier nicht „verzichtbar“, sondern das Letzte, das Beziehung und Halt im Alltag gibt. Fachlich ist die Konsequenz dass wenn man will, dass Hilfe erreichbar ist, braucht man mehrere individuelle Möglichkeiten der Hilfe, die nstürlich dem betroffenen Menschen angepasst sind, und nicht dem System.
Warum meiden manche Menschen Notquartiere und ist das automatisch „Hilfe ablehnen“
Nicht automatisch aber leider viel zu oft. Viele Gründe sind rational, weil Angst vor Diebstahl, drohenden Konflikten, ausufernde Gewalt, fehlender Privatsphäre, hoffnungsloser Überfüllung, strenge Regeln oder frühere negative Erfahrungen, etwas machen mit den betroffenen Menschen. Eine Schlussfolgerung kann jene sein, dass wer ein Angebot meidet, lehnt nicht zwingend Hilfe ab sondern oft ist das Angebot in seiner konkreten Form für diesen Menschen nicht sicher genug oder einfach nicht passend, eben aus dem System für das System und nicht aus dem System FÜR den Menschen.
Welche Gesundheitsrisiken sind in Österreich besonders relevant
Wetterextreme sind akut gefährlich wie man in den letzten Wochen sehen konnte. Kälte kann zu Unterkühlung, Erfrierungen und zum Tod führen, Hitze zu Dehydrierung, Kreislaufproblemen und Verschlechterung chronischer Erkrankungen. Darüber hinaus steigen Risiken für Infektionen, schlecht heilende Wunden, Zahnerkrankungen und unbehandelte chronische Leiden, weil dauerhafte und regelmäßige Versorgung schwer ist, oft zu schwer.
Warum verschlimmern sich chronische Krankheiten bei Wohnungslosigkeit oft so stark
Chronische Krankheiten brauchen eine tägliche Routine, die sich immer wiederholt. Regelmäßige Medikamenteneinnahme und sichere Lagerung, eine stabile Ernährung sind hier immens wichtige Alltagsanforderungen. Ohne Wohnung ist das schwer, Medikamente gehen verloren, Kühlung fehlt, Termine scheitern an Erreichbarkeit oder Transport.
Welche psychischen Folgen sind besonders häufig und wie werden sie oft missverstanden
Häufig sind Angst, Depression, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Rückzug, manchmal auch Sucht als Bewältigungsversuch. Missverstanden wird oft, dass Menschen „unkooperativ“ wirken, dabei sind sie häufig einfach nur überlastet, erschöpft und im kompatiblen Überlebensmodus für den Alltag. Wenn man täglich um Schlafplatz, Sicherheit und Essen kämpft, ist die Verfügbare Kraft für auszufüllende Formulare und einzuhaltende Fristen sehr begrenzt.
Warum ist Suchtbehandlung ohne Wohnstabilität besonders schwierig
Behandlung braucht eine verlässliche Struktur, Termine, Ruhe, Rückzug, medizinische Begleitung, sichere Lagerung von Medikamenten. Ohne Wohnung ist die Rückfallgefahr höher, weil alle negativen Einflüsse größer sind. Housing First setzt deshalb oft auf die Reihenfolge „Wohnung zuerst“ plus begleitende Unterstützung, damit erfolgreiche Behandlung überhaupt eine stabile Grundlage hat.
Wo gelingt das Gesundheitssystem und wo scheitert es
Akutmedizin funktioniert häufig (Notfälle werden behandelt), aber eine stabile Regelmäßigkeit im Alltag ist die große Schwachstelle. Nachsorge, regelmäßige Behandlung, Medikamentenmanagement, Psychotherapie, der Punkt ist nicht „fehlender Wille“, sondern fehlende annehmbare Rahmenbedingungen.
Was leisten Notquartiere und wo sind ihre Grenzen
Notquartiere retten Leben, schenken Wärme, geben Schutz, und sind einer kleinen Grundversorgung zugetan. Ihre Grenzen liegen in Überlastung, begrenzter Privatsphäre, teils konfliktbelasteten Situationen und aber auch in der Tatsache, dass sie keine dauerhafte Wohnperspektive ersetzen können. Manche Menschen können dort stabilisieren, andere nicht, je nach Sicherheitslage, Regeln, individueller Belastung. Darum sind Notquartiere ein wichtiger Baustein, aber langfristig braucht es Wohnungssicherung, betreutes Wohnen und sozialen Wohnzugang.
Warum passen 08/15 Standardsystemangebote nicht
Weil Wohnungslosigkeit keine homogene Situation ist. Menschen unterscheiden sich in Trauma, psychischer Gesundheit, Sucht, Behinderung, Familienlage, Paarbeziehungen, Haustieren, Arbeitszeiten und Sicherheitsbedürfnissen. Ein „Einheitsangebot“ produziert zwangsläufig Ausschlüsse, Hilfe muss immer individuell an den betroffenen Menschen angepasst sein. Wer dem „System“ nicht passt, bleibt draußen und wird dann fälschlich als „hilfeunwillig“ oder „schwierig“ etikettiert und auf diese Weise stigmatisiert.
Was bedeutet niederschwellig
Niederschwellig heißt: schneller Zugang, klare Orientierung, möglichst wenige Eintrittshürden, respektvoller Umgang, Unterstützung bei Dokumenten/Terminen und realistische Schritte im Alltag. Es bedeutet auch, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und nicht dort, wo sie „sein sollten“. Gerade bei Scham, Trauma und Überlastung entscheidet Niederschwelligkeit darüber, ob Hilfe überhaupt möglich wird.
Welche Rolle spielt Streetwork
Streetwork reduziert Zugangshürden, weil Hilfe nicht erst „beantragt“ werden muss, sondern Menschen im gewählten Lebensraum erreicht. Die zentralen Wirkfaktoren sind Zuhören, Vertrauen aufbauen, informieren, begleiten, motivieren. Das ist besonders wichtig bei Menschen, die Systeme meiden oder schlechte Erfahrungen gemacht haben. Streetwork ist damit oft der erste Schritt in die richtige Richtung.
Was ist Housing First und warum gilt es als wirksam
Housing First bedeutet: „Zuerst eine Wohnung, dann freiwillige Unterstützung, individuell, bedarfsorientiert. Der Grundgedanke ist jener, wer wohnt, kann schlafen, gesund werden, Termine halten, Therapie beginnen.
Warum ist Housing First trotzdem kein Allheilmittel
Weil Housing First leistbare Wohnungen braucht und dieser leistbare Wohnraum ist knapp, sehr knapp, und wird in vielen Fällen von der Politik nicht gefördert oder nicht gewünscht. Zusätzlich braucht es eine gesicherte Finanzierung, qualifiziertes Personal und diverse Kooperationen. Wenn diese Voraussetzungen fehlen, kann das Modell nicht in der benötigten Breite wirken. Housing First ist also dennoch sinnvoll, aber den verschiedenen Modellen muss vorher die Struktur angepasst werden.
Was passiert, wenn jemand durch alle Raster fällt
Dann entsteht häufig eine Kette an akuten Krisen, kurzfristige Unterbringung, Krankenhaus, Polizei, wieder Straße, wieder Notfall usw.. Das ist für Betroffene entwürdigend und gefährlich und verursacht hohe Kosten, ohne wirklich Stabilität zu schaffen.
Die wollen ja keine Hilfe
In dieser Absolutheit stimmt es nicht und war auch in der Vergangenheit nicht richtig. Viele Menschen wollen Hilfe, aber sie wollen Hilfe, die sicher, würdig und individuell ist. Wenn ein Angebot als gefährlich erlebt wird oder als entwürdigend, wird es bestimmt gemieden, das ist dann eher Eigenschutz als „Ablehnung“. Ein weiterer Punkt ist, dass manche Betroffene zuerst Vertrauen und Stabilität brauchen, bevor sie weitgehende Schritte unter einem Hilfsschirm schaffen können.
Die sind alle süchtig
Nein, ist nur billige Polemik und eine dreiste Lüge. Wohnungslosigkeit hat viele Ursachen und viele verschiedene Facetten. Sucht ist nur ein möglicher Faktor. Das „Alle-sind-süchtig“-Narrativ ist problematisch, weil es Menschen pauschal abwertet und verurteilt und tiefe Ursachen völlig ausblendet. Selbst wenn eine Sucht vorhanden ist, ist sie häufig Teil einer verhängnisvollen Kette und braucht dringend Behandlung, die wiederum ohne Stabilität schwer umzusetzen ist.
Die sollen halt arbeiten
Arbeit ist oft ein Ziel, aber ohne Wohnung und ohne Hauptwohnsitz fehlen die wichtigsten Voraussetzungen. Schlaf, Hygiene, Erreichbarkeit, stabile Wege, Aufbewahrung von Arbeitskleidung. Hinzu kommen psychische Belastung und Angst vor Versagen, die alle möglichen Einstiegschancen drastisch senken.
Es gibt eh genug Angebote
Weil Bedarf, Komplexität und Wohnraummangel in Österreich die Kapazitäten oft übersteigen. Außerdem sind Angebote nicht für alle passend und auch nicht für alle sinnvoll. Sicherheit, Privatsphäre, Haustiere, Paarbeziehungen, Schichtarbeit, psychische Belastung, all das entscheidet darüber, ob ein Platz nutzbar ist. „Genug“ klingt nach reiner Anzahl, aber entscheidend ist Individualität und eine leichte Zugänglichkeit zu Hilfsprojekten. Und selbst wenn kurzfristige Plätze existieren würden, ohne leistbaren Wohnraum bleiben Menschen im System stecken, unaufhaltsam.
Wer obdachlos ist, ist gefährlich
Pauschal stimmt das nicht. In vielen Fällen sind obdach- und wohnungslose Menschen vor allem gefährdet durch Wetterkapriolen, Krankheit, Gewalt und Ausbeutung. Problematisches Verhalten kann vorkommen, wie in jeder Gruppe und wird durch Stress, Trauma, Sucht oder psychische Krisen verstärkt. Aber die Etikettierung „gefährlich“ verschärft die Situation immens und macht auch viele Hilfsangenbote kaputt.
Was wäre das Wichtigste
Am wirksamsten ist meist, Wohnraum zu halten, bevor er verloren geht: frühe Beratung, rasche finanzielle Überbrückung bei Miet-/Energieschulden, Klärung von Ansprüchen, Unterstützung beim Umzug in leistbaren Wohnraum, wenn nötig. Genau dafür ist WOHNSCHIRM konzipiert; 2024 wurde das Programm laut Sozialministerium zusätzlich budgetär gestärkt. Prävention ist außerdem würdevoller und verhindert, dass Menschen erst durch den kompletten Stabilitätsverlust in noch schwierigere Lagen geraten.
Was kann jede Person in Österreich konkret tun
Wirksam ist Hilfe, die Stabilität schafft. Verlässliche Spenden an seriöse lokale Vereine, regelmäßiges ehrenamtliches Engagement und von menschlichem, respektvollem Umgang. Direkt im Alltag helfen eher bedarfsorientierte Dinge und vor allem respektvolle Kommunikation. Zuhören, nicht abwerten, persönliche Grenzen achten und einhalten. Und, Mythen im eigenen Umfeld korrigieren, denn öffentliche Haltung beeinflusst ungemein, ob politische und finanzielle Unterstützung für wirksame, menschliche Lösungen wächst.
Wenn jemand wie vergangene Woche wiederholt behauptet, dass Obdachlose das Hilfsangebot in Linz nicht annhemen wollen, so ist das eine glatte Lüge. Diese Aussage dient nur der politischen Abneigung, armen und obdachlosen Menschen Hilfe zur Verfügung zu stellen. Dass hier auch noch die 2 toten Obdachlosen aus Wien von der FPÖ instrumentalisiert wurden, ist in höchstem Grad widerlich und absolut unanständig. Hier wurde der „Wille“ (den ich allenb hier abspreche) in den Mittelpunkt projeziert, mit dem Wissen, dass es ohnehin durch die fehlende Zustimmung im Gemeinderat scheitern wird. Aber Hauptsache man steht wieder einmal in den Schlagzeilen. Aber wie tief sich die SPÖ hier aus dem Fenster lehnt und den Antrag ablehnt, ist auch sagenhaft. Mit „Ruhm“ hat sich diesmal niemand im Gemeinderat bekleckert, NIEMAND! Wenn man helfen wollte, wäre das jeden Tag, jede Stunde möglich, aber kein einziger Politiker hatte je die Absicht, das zu tun.
Der Verteil-Donnerstag diese Woche war wieder geprägt von Eintönigkeit am Vormittag, immer die gleiche Arbeit zu erledigen, und am Nachmittag die Ausgabe, die jede Woche anders verläuft. Diese Woche fahren Karola und Günther das erstemal mit und sie sind schon sehr gespannt.
Um 14.10 Uhr brechen wir auf nach Linz, wobei ich nicht acht gebe und Günther, der mit seinem privaten Auto fährt, hinter mir verliere. In Linz angekommen telefoniert unsere Anni mit Günther: „Wo seid ihr denn?“. Bald schon sind sie auch bei uns am Verteilplatz.
Christoph, der uns letzte Woche ein Walkie-Talkie gestohlen hat, wird sich heute etwas anhören müssen von mir, das geht so nicht. Und er sollte künftig auf seine Sachen besser aufpassen, weil jetzt echt Schluss mit „Lustig“ ist, es kann nicht sein dass er jede Woche einen Schlafsack braucht weil ihm seiner am Schlafplatz tagsüber bei Abwesenheit gestohlen wurde. Das geht so nicht!
Binnen kürzester Zeit ist die Warteschlange so angeschwollen, Wahnsinn! Immer wieder kommen kleine Gruppen an Menschen zum Verteilplatz und wir haben noch nicht einmal begonnen, unsere Sachen auszugeben.
Die ersten Heizelemente machen Probleme, die Flaschen werden langsam leer. Aber gerade jene Menschen, die keinen Schutz vor der Kälte haben und auf der Straße ausharren müssen, brauchen zumindest am Verteil-Donnerstag irgendwo eine Quelle, wo sie sich wärmen können. Günther und Karola lagern die mitgebrachten Lebensmitteln im Büro ein, Michaela und alle anderen kümmern sich um die Tische und Boxen heraussen, dass diese richtig angeordnet sind.
Es ist heute richtig kalt, jetzt schon und es wird noch ärger wenn das Tageslicht fehlen wird. Wir messen gerade Minus 5° und ein leichter, kalter Wind weht uns um die Ohren, der es erst richtig kalt macht. Ich schlüpfe in meine „winterfesten Fahrradhandschuhe“ und merke, wie schnell meine Fingerspitzen aufgrund der Kälte so sehr weh tun, dass ich richtig Schmerzen ahbe, also, Handschuhwechsel und immer wieder hin, zu den Heizelementen und sich aufwärmen.
Nach dem Wechsel in die Ski-Handschuhe ist es besser geworden, aber immer noch nicht wirklich warm. Die Warteschlange ist schon echt lange, und am Ende werden es heute sagenhafte 168 Menschen sein, die sich bei uns das Nötigste holten. Da sind aber jene, die Max an der Ameldung vorbeischleuste weil sie zu lautstark zu stänkern begonnen hatten, noch gar nicht mitgerechnet. Die Besucherzahlen gehen seit Monaten in nur eine Richtung, anch oben.
16 Uhr, wir fangen an, Max kümmert sich um die Anmeldung und Abwicklung der ganzen Prüfdokumente. Schön vor der Ausgabe kamen einige zu mir und frugen wegen neuen Schuhen oder einer neuen, warmen Jacke. Heute prüfen wir nur den Einkommensbescheid und geben den Menschen die Sachen, die dringend gebraucht werden. Solche Temperaturen erfordern auch besondere Vorgehensweisen, wenn jemand auf der Straße schlafen muss und keinen warmen Schlafsack hat, wird er heute einen bekommen, ohne wenn und aber, es ist schlicht unzumutbar, hier nicht zu helfen.
Von Weitem sehe ich Christoph, er kommt zu uns, na warte meine Junge. Als er hinter der ganzen Warteschlange Platz nimmt auf seinem Trolley, sag ich ihm meine Bedenken, dass er uns letzte Woche bestohlen hat und mich dann auch noch ausgelacht hat. Christoph wurde sichtlich ins Gesicht gescfhlagen, die ganze rechte Hälfte ist massiv geschwollen und blau unterlegt, sein rechtes Auge ist zugeschwollen und seine Stirn blutet. Christoph hat immer wieder das Problem an Menschen zu gelangen, die massiv zuschlagen, ohne einen Parameter, voll auf die 12. Ich kann gar nicht sagen was ich grade denke, aber manchmal provoziert er auch solche Situationen, diesmal habe ich aber keine Ahnung, ob er selbst schuld ist oder nicht.
Fam. P. kommt vorbei, die mich aus dem „Dachcafe“ kennen und sich nach Michaela erkundigen. Sie spenden uns Geld für Nächtigungsjetons für die Notschlafstelle und €100,- für Lebensmittel – DANKE!
Ich schwanke hin und her und erkundige mich bei unseren neuen Vereinsmitgliedern, ob eh alles OK ist? Die Kälte ist heute überall ein Thema, auch bei uns. Ich sehe nach unseren Heizlementen und merke, dass 2 Flaschen bald leer sein werden, also neue Füllungen kaufen.
Zwischendurch schaue ich zum Kleidungsanhänger und frage schon nach, ob jemand einen gültigen Einkommensnachweis erbrachte, weil das ist das Mindeste. Gleiches Recht und gleiche Pflichten für alle. Alle strömen ins Büro weil es dort beheizt ist, aber ich ermahne alle, bitte immer nur 2 Personen ins Büro reinlassen, alles andere wäre gefährlich und unverantwortlich.
Beim Gebäck steht unser Daniel, der jüngste heute im Verein aber ein toller Mensch. Er wirkt kränklich, genau wie Michaela, die ja später wirklich krank wurde. Da kommt Franziska mit ihrer Emma, die sich riesig freut uns zu sehen. Ich rede Franziska ins Gewissen, mit Emma endlich zum Tierarzt zu gehen, aber sie wiegelt wie immer nur ab. Mann, ich verstehe diese Frau nicht mehr. Ihr Liebstes, ihre Emma lässt sie einfach im Stich, das kann und will ich nicht verstehen, wo sie doch immer betont dass Emma ihr ein und alles ist.
Max schleust die Menschen schnell bei der Anmeldung durch, deshalb muss ich hinten zusehen, dass nicht zuviele auf einmal im Büro sind.
Langsam wird es auch in den Zehen kalt, trotz Alpaka-Socken und Thermo-Unterwäsche, sie geht heute echt richtig an die Nieren, diese unerträgliche Kälte. Claudia, die ebenfalls heute zum erstenmal mit dabei ist, schlägt sich ebenfalls richtig tapfer beim Gebäck. Das Obst wird schon etwas abstrakt aussehend, besonders die Bananen, denen es echt zu kalt ist hier draussen.
Leute, ich kann euch gar nicht sagen, wir kalt es später wurde als das Tageslicht dunkel wurde. Es zog sich hin und hin, es kamen immer wieder Gruppen von Menschen, die sich anmeldeten, auch noch um 5 Minuten vor 18 Uhr, wo wir eigentlich schon zusammenräumen wollten, es ist heute so massiv, wahnsinn.
Aufgrund der extremen Kälte waren wir alle froh, dass wir dann zusammenräumen und den Bus beladen konnten. Schlicht in Kurzen Worten, ab nach Ansfelden und dort alles ausladen, dann heimfahren und in ein heißes Bad hüpfen. Brrr! Lange keinen so kalten Tag erlebt, der wirklich in jede Pore gekrochen ist.
Der Tag war trotzdem ein Guter, wir konnten 168 Menschen mit dem Nötigsten helfen, das ist dich auch was, oder?
Danke für eure Aufmerksamkeit und eure Geduld.
Gott segne euch!
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