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Vergelt’s Gott an alle Spender*innen!

30. Mai 2026
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Vergelt's Gott an unsere Spender*innen!

Unsere Linz-Tour vom 30. Mai 2026!

Ein langer Tag, eine lange Nacht und wieder einmal viel zu viele Schicksale und Geschichten, die zeigen, wie hart das Leben auf der Straße wirklich ist

Manche Tage beginnen ganz normal, mit Arbeit, mit Kisten, mit Spenden, mit Lager, mit Einräumen, Sortieren, Herrichten. Und dann werden sie zu Tagen, die einem noch lange nachgehen. Tage, an denen man abends oder eigentlich schon mitten in der Nacht nach Hause fährt und spürt dass das nicht nur eine Tour war. Das war wieder ein Blick mitten hinein in eine Realität, die viele Menschen nicht sehen wollen. Eine Realität, die nicht schön ist, nicht bequem, nicht sauber, nicht einfach. Aber sie ist da. Jeden Tag, jede Nacht, bei Regen, bei Gewitter, bei Hitze, bei Kälte, bei Angst, bei Hunger, bei Einsamkeit.

Unsere Linz-Tour vom 30. Mai 2026 war genau so ein Tag.

Am Vormittag begann alles im Lager mit der Spendenannahme. Wie so oft wurden ein paar Spenden angenommen, sortiert, eingelagert, eingeräumt und gleichzeitig schon jene Artikel zusammengestellt, die wir später für unsere Linz-Tour brauchen würden. Lebensmittel, Hygieneartikel, Frischware, Kleidung, Dinge des täglichen Bedarfs. Dinge, die für viele selbstverständlich sind, für Menschen auf der Straße aber oft den Unterschied machen zwischen einem halbwegs erträglichen Tag und einem Tag, an dem man nicht weiß, wie man überhaupt durchhalten soll.

Auch die Spenden der letzten Woche wurden eingelagert und aufgeräumt. Das klingt immer so sachlich: „eingelagert und aufgeräumt“. In Wahrheit steckt dahinter viel Arbeit. Kisten und Boxen tragen, Sachen kontrollieren, sortieren, schauen, was wohin gehört, was rasch ausgegeben werden muss, was gelagert werden kann, was für wen besonders dringend gebraucht wird. Es ist körperliche Arbeit, aber auch Arbeit mit Verantwortung und Weitblick. Denn hinter jedem Karton steht am Ende ein Mensch, der etwas davon brauchen wird.

Gegen 13 Uhr fuhr ich kurz heim. Ich wollte wenigstens noch eine Stunde schlafen, ein bisschen mützeln, bevor es wieder weitergeht. Denn um 15.30 Uhr musste ich wieder im Lager sein. Christian, Thomas und ich werden gemeinsam den Bus einladen. Und wer unsere Touren kennt, weiß es zu gut dass so ein Bus nicht einfach nur ein Bus ist, sondern ein großräumiger Transporter. Für viele unserer Schützlinge ist dieser Bus Hoffnung auf Rädern. Lebensmittel, Hygieneartikel und ein Gespräch, ein Händedruck, ein bisschen Würde und das Zeichen: „Ihr seid nicht vergessen.“

Um 16.15 Uhr war der Bus fertig beladen.

Doch bevor wir nach Linz fuhren, gab es noch eine andere Sorge. In der Woche davor hatten mich zwei Damen angerufen, weil ein obdachloser Mensch in Weißkirchen bei der Autobahnabfahrt im „Dreck“ sitzen würde. Sofort dachte ich an Gerald. Gerald, der noch bis vor kurzem in Haid in der Wiese saß und dort sein Dasein fristete. Gerald, den wir kennen, um den wir uns sorgen, bei dem man nie wirklich weiß, ob er gerade irgendwo halbwegs sicher ist oder ob er wieder irgendwo sitzt, wo ihn niemand sieht und niemand wahrnimmt.

Also suchten wir zuerst noch einmal an seinem alten Platz. Danach fuhren wir nach Weißkirchen. Wir suchten, wir schauten, wir hofften, ihn zu finden aber Gerald war nicht zu finden. Kein Zeichen und auch kein Hinweis, nichts. Und dieses Nichts ist oft das Schlimmste. Wenn man jemanden nicht findet, bleibt immer diese Unruhe im Bauch und die Frage: „Wo ist er?“ Geht es ihm gut? Hat er sich nur einen anderen Platz gesucht oder ist etwas passiert?

Mit diesem unguten Gefühl ging es zurück nach Linz.

Unsere erste Station war der Volksgarten, zu Gaby. Schon zu sehen, am Horizont zogen schwere Gewitterwolken auf. Man spürte, dass da etwas kommt, die Luft war schwer, der Himmel dunkel, die Stimmung angespannt. Trotzdem gingen wir zuerst die ganze Runde durch den Volksgarten und anschließend gleich weiter in den Schillerpark. Wir informierten unsere Schützlinge und baten sie zum Bus. Viele kennen uns inzwischen. Viele wissen, wenn wir kommen, dann kommen wir nicht zum Schauen, nicht zum Reden allein, sondern wir bringen das, was gebraucht wird.

Als wir von unserer Runde zurückkamen, waren Gaby, Hannes und auch die anderen schon beim Bus. Und genau in diesem Moment begann es wie aus Eimern zu regnen. Starkregen, Donner, Blitze. Der Himmel machte auf, als wollte er alles, was sich über Linz zusammengebraut hatte, auf einmal abladen.

Und mitten in diesem Regen standen unsere Schützlinge. Acht Menschen waren beim Volksgarten da, um sich das zu holen, was sie brauchen. Acht Menschen, die nicht einfach „Fälle“ sind. Nicht „Obdachlose“ als anonyme Masse sondern Menschen mit Namen, mit Geschichten, mit Schmerzen, mit Erinnerungen, mit Fehlern, mit Würde, mit Angst, mit Hoffnung, mit Hunger.

Danach ging es weiter zur alten Post neben dem Finanzamt. Dort hatten wir in den letzten Wochen angekündigt, dass wir um 18.30 Uhr mit der Lebensmittelausgabe beginnen werden. Zuerst verteilten wir Leberkäsweckerl und Frischware. Dann gingen wir Richtung Bahnhofsvorpark und schließlich weiter zur Bahnhofshalle.

In der Bahnhofshalle kam es zu einer Situation, die ich nicht einfach schlucken konnte. Ich sah die ÖBB-Security und sprach jenen Security-Mitarbeiter an, von dem ich seit Monaten höre, dass er hinterrücks über mich und unseren Verein schimpft und Unwahrheiten verbreitet. Ich bin halt ein gerader Michl, ich kann solche Dinge nicht einfach stehen lassen. Wenn etwas im Raum steht, dann spreche ich es an, nicht hintenherum, nicht feig, nicht über Dritte, sondern direkt.

Ich hätte mir gewünscht, dass man auf so etwas erwachsen reagiert. Dass man sagt: „Ja, tut mir leid, das war nicht in Ordnung.“ Oder wenigstens: „Reden wir darüber.“ Aber stattdessen ging er sofort auf Angriff. Und genau das ist das Problem. Es gibt Menschen in Positionen, die mit armen, müden, verzweifelten und obdachlosen Menschen zu tun haben, und die offenbar vergessen, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutet.

Es war auch jener Security-Mitarbeiter, der vor Weihnachten in eine Situation verwickelt war, als eine alte obdachlose Frau zu Boden kam und ihr die rechte Kniescheibe heraussprang. Damals brauchten wir den Notarzt. Solche Erlebnisse vergisst man nicht. Und ich sage es ganz ehrlich: Genau solche Machtspiele braucht niemand. Kein Bahnhof braucht Menschen, die glauben, ihre persönliche Stärke an den Schwächsten beweisen zu müssen. Menschen auf der Straße brauchen keine zusätzlichen Demütigungen. Sie haben schon genug zu tragen.

Wir gingen weiter durch die Bahnhofshalle und trafen auf Lenny.

Lenny hat am Freitag, also zwei Tage zuvor, die Wohnung wieder verloren, in die ich ihn gebracht hatte. Zwei Monate hatte er diese Chance. Zwei Monate, in denen er die Möglichkeit gehabt hätte, Wege zu erledigen, Briefe zu holen, Termine wahrzunehmen, sich Schritt für Schritt aus der Obdachlosigkeit herauszukämpfen. Aber Lenny hat nichts davon gemacht. Keine Briefe vom Landesgericht abgeholt, nichts vom Magistrat, nichts vom AMS. Kein einziger Weg und auch kein Mitmachen, kein Annehmen dieser riesengroßen Chance.

Und irgendwann kommt der Punkt, an dem auch ich sagen muss: Wenn jemand nicht will oder nicht kann, wenn jemand mit keinem Finger mitmacht, dann kann auch ich nicht mehr helfen. So hart das klingt, ich kann Türen öffnen, ich kann Wege zeigen, ich kann begleiten, ich kann kämpfen, ich kann stützen. Aber gehen muss ein Mensch irgendwann selbst. Eine Notwohnung ist keine Selbstverständlichkeit, sie ist eine echte Chance. Eine Chance auf Ruhe, auf Ordnung, auf Termine, auf Hilfe, auf ein Ende der Obdachlosigkeit. Aber man muss diese Chance auch sehen, erkennen und annehmen wollen.

Lenny wollte nicht oder konnte nicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht war er überfordert, vielleicht war es ihm zu viel, vielleicht ist er schon so lange auf der Straße, dass selbst Hilfe für ihn wie Druck wirkt. Ich verurteile ihn als Mensch nicht. Aber ich kann seine Entscheidung auch nicht schönreden.

Als ich ihn in der Bahnhofshalle fragte: „Brauchst Lebensmittel, Lenny?“, verneinte er. Na gut. Dann halt nicht.

Von der Bahnhofshalle gingen wir zurück zum Bus. Und dort warteten inzwischen deutlich mehr Menschen als noch wenige Minuten zuvor. Etwa 35 bis 40 Schützlinge standen da. Menschen, die auf uns warteten, damit wir mit der Ausgabe der Lebensmittel beginnen. Menschen, die wussten dass heute unser Bus kommt. Heute gibt es etwas zu essen und heute gibt es bestimmt auch Hygieneartikel. Vielleicht etwas, das den nächsten Tag ein bisschen leichter macht.

Die Ausgabe bei der alten Post dauerte von etwa 18.30 Uhr bis 20.30 Uhr. Zwei Stunden lang versorgten wir Menschen, zwei Stunden lang gaben wir aus, hörten zu, redeten, sortierten, reichten weiter, erklärten, schauten, was gebraucht wird. Und was mich immer wieder berührt: die Dankbarkeit. Viele Danksagungen, viele Händedrücke, Umarmungen, ehrliche Blicke. Dieses „Danke“, das nicht einfach dahingesagt ist. Dieses „Danke“, das aus einem Menschen kommt, der vielleicht seit Tagen nicht mehr erlebt hat, dass jemand wirklich für ihn da ist.

Ja, das tut gut. Es tut gut zu sehen, dass diese Arbeit ankommt. Dass unsere Mühe nicht ins Leere läuft. Dass die Menschen spüren dass da jemand nicht aus Pflicht kommt, sondern aus Nächstenliebe und Überzeugung.

Um 20.30 Uhr brachen wir auf nach Urfahr, zu Peter im DüK. Er hatte seine Tür offen und sah uns schon von weitem. Peter ist Peter. Er schimpft wie immer über andere obdachlose Menschen und überhaupt über Gott und die Welt. Er ist ein absoluter Einzelgänger. Einer, der mit anderen Menschen generell nicht viel anfangen kann. Ein eigener Typ, manchmal schwierig, manchmal kantig, manchmal schwer auszuhalten. Aber auch er ist ein Mensch. Auch er lebt draußen und auch er braucht unsere Hilfe und Unterstützung.

Mit Peter diskutierte ich an diesem Abend auch über seine Art der „Dankbarkeit“. Denn ganz ehrlich, manchmal ist diese Dankbarkeit bei ihm unsichtbar. Man erkennt sie oft nicht und auch das muss man sagen dürfen. Hilfe bedeutet nicht, dass jemand auf Knien danken muss aber ein Mindestmaß an Wertschätzung sollte schon spürbar sein. Nicht für mein Ego, nicht, weil ich Applaus brauche, sondern weil gegenseitiger Respekt und Wertschätzung in der Hilfe für Menschen überaus wichtig ist.

Von DüK-Peter fuhren wir weiter Richtung Pleschinger See, zum nächsten Peter, dem pensionierten Wissenschaftler. Und kaum waren wir dort, begann er wieder lautstark zu schimpfen. Peter zeigte uns Berechnungen über Dinge, die ich ehrlich gesagt nicht verstehe. Berechnungen über Energie, über Streuelemente, über Entwicklungen, die in mehr als 160 Jahren passieren sollen und die nach seiner Überzeugung, die Menschheit bedrohen könnten.

Peter erzählt oft Dinge, die nachvollziehbar und stimmig wirken und dann erzählt er wieder Dinge, die für mich schlicht zu hoch sind. Ich habe keine Ahnung von dieser Art Weltraum, von Physik im All, von jenen Zusammenhängen, die er uns auch heute wieder erklärt. Wir hörten ihm aufmerksam zu, aber ich gebe ehrlich zu dass wir hoffnungslos überfordert waren, mit seinen Aussagen.

Und dann erzählte Peter plötzlich, dass jemand bei ihm gewesen sei, ihn überfallen und ihm sein ganzes Geld gestohlen habe. Und dabei ging es offenbar um sehr viel Geld. Geld, mit dem Peter eigentlich Solarpaneele kaufen wollte, damit er Strom hat. Für uns klingt Strom vielleicht selbstverständlich. Für jemanden, der draußen lebt, ist Strom ein Stück Selbstständigkeit. Licht, aufladen, etwas Wärme vielleicht, aber zumindest Verbindung und ein bisschen geordnete Struktur.

Jetzt ist dieses Geld weg. Und mit dem Geld auch sein ganzer Plan.

Peter erzählte dann weiter, dass er einen Plan entwickelt habe, wie der Weltraum auf jenen Menschen, der ihn überfallen hat, tödlich wirken solle, wenn er das Geld nicht zurückgibt. Solche Aussagen zeigen, wie zerrissen manche Menschen sind. Wie sehr Angst, Wut, Einsamkeit, Misstrauen und vielleicht auch seelische Überforderung ineinandergreifen. Man steht daneben, hört zu, versucht ruhig zu bleiben, versucht zu verstehen, aber man spürt auch deutlich, hier bräuchte es mehr als Lebensmittel, hier bräuchte es echte Strukturen, echte Hilfe, echte psychiatrische und soziale Versorgung, die nicht nur auf dem Papier existiert.

Vom Pleschinger See fuhren wir weiter. Es war mittlerweile etwa 21.30 Uhr. Wir fuhren zur Tankstelle in der Hafenstraße, um eine kleine Pause zu machen und einen Kaffee zu trinken. Solche kurzen Pausen sind wichtig. Nicht, weil die Arbeit dann vorbei wäre, sondern weil man kurz durchatmen muss. Kurz sitzen, einen Cappuccino trinken, und kurz die Gedanken sortieren, bevor es weitergeht.

Und plötzlich stand Sabrina vor uns. Hilflos und eingeschüchtert und ohne allem.

Sabrina bekommt das nächste Mal wieder etwas Bargeld, das von Florian S. aus Tirol zweckgewidmet speziell für sie gespendet wurde. Sie erzählte mir, dass Milenko, jener obdachlose Mann, der auch Gerald von seinem Platz durch Hinterlist vertrieben hat, nun auch sie weggejagt habe. Und da war für mich klar das geht nicht mehr, so geht das nicht weiter.

Seit einiger Zeit hören wir immer wieder, dass Milenko andere bedroht, bedrängt und einschüchtert. Franziska wird beinahe täglich belästigt, auch sexuell bedrängt, und nun auch Sabrina. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr nur zuhört. Irgendwann muss man klar sagen, bis hierher und keinen Schritt weiter.

Aber zuerst gaben wir Sabrina aus dem Bus alles, was sie brauchte. Lebensmittel, Hygieneartikel, neue Unterwäsche und neue Socken, das, was ihr für den Moment hilft. Sie schläft jetzt woanders, nicht mehr unter der Brücke in der Nähe dieses Tyrannen. Und ehrlich, ich bin froh darüber. Niemand soll dort schlafen müssen, wo er/sie jeden Tag Angst haben muss um das leibliche Wohl.

Die kurze Auszeit bei einem Cappuccino tat uns gut. Und genau dort sagte Thomas einen Satz, der mir durch und durch ging. Wir redeten über Entwicklungen in der Gesellschaft und Politik. Über dieses Gefühl, seit Jahren gegen Mauern zu laufen und über die Situation obdachloser Menschen in Linz. Über die vielen Gespräche, Forderungen, Hinweise, Hilferufe und dann sagte Thomas folgenden Satz: „Kämpfe keinen Krieg, den du von vornherein gar nicht gewinnen kannst“. Dieser Satz traf mich ganz tief.

Denn genau diesen Kampf kämpfe ich seit Jahren für unsere Schützlinge. Einen Kampf gegen eine Linzer Politik, die es nicht schafft oder nicht schaffen will, endlich vernünftige Strukturen für Menschen auf der Straße einzuführen. Einen Kampf gegen ein System, das obdachlose Menschen lieber wie ein Stück Vieh durch die Stadt treibt, anstatt ihnen eine echte Chance zu geben. Einen Kampf gegen Wegschauen, Zuständigkeitsflucht, leere Worte und schöne Reden.

Ich kämpfe diesen Kampf seit Jahren, für Menschen, die sonst niemand hört. Für Menschen, die nicht in Pressekonferenzen passen. Für Menschen, die nicht schön genug sind für Sonntagsreden. Für Menschen, die dreckig sind, krank sind, laut sind, süchtig sind, schwierig sind, verwirrt sind, gebrochen sind. Für Menschen, die trotzdem Menschen sind.

Und Thomas hat recht. Vielleicht kämpfe ich einen Kampf, den ich gar nicht gewinnen kann.

Dieser Satz wird mich noch lange beschäftigen. Weil er weh tut, weil er wahr ist und weil ich spüre, wie viel Kraft dieser Kampf kostet. Und weil ich trotzdem nicht weiß, wie man einfach aufhören soll, wenn man die Menschen kennt, die darunter leiden.

Nach unserer kurzen Pause fuhren wir weiter zu Franziska, gleich ums Eck. Als wir ankamen, war Franziska mit ihrer Emma vor dem Zelt. Sie erzählte mir sofort, dass Milenko sie jeden Tag belästigt und sie einfach nicht in Ruhe lässt. Ihre Angst war spürbar, ihre Wut auch. Und ich verstehe beides.

Daraufhin gingen wir etwa 20 Meter weiter, dorthin, wo früher Gerald unter der Brücke lebte, heute ist dort Milenko. Er war gerade dabei, sich Creme ins Gesicht zu schmieren. Ich ging zu ihm hinauf und machte ihm unmissverständlich klar, dass er Franziska, Emma und Sabrina in Ruhe zu lassen hat. Ich sagte ihm deutlich, dass er seit Monaten Grenzen überschreitet, dass Bedrohungen, Belästigungen und Einschüchterungen nicht akzeptabel sind und für ihn zum Boomerang werden könnten und dass ich mich vor Sabrina, Franziska und Emma stelle. Und dass es Konsequenzen geben wird, wenn er weiter diese Frauen bedroht oder belästigt.

Ich sage es klar, ich werde niemals gewalttätig gegen jemanden vorgehen, das ist nicht mein Weg. Aber ich werde auch nicht zuschauen, wenn obdachlose Frauen auf der Straße bedroht, bedrängt und eingeschüchtert werden. Es gibt viele rechtliche, soziale und organisatorische Wege, Druck aufzubauen, Grenzen zu setzen und Schutz einzufordern. Und diese Wege werde ich nutzen, wenn es sein muss.

Milenko antwortete mit Floskeln, Ausreden und Widersprüchen. So, wie ich ihn leider kennengelernt habe. Aufgrund seines Auftretens und seines Umgangs mit anderen Menschen bekommt er von uns derzeit nichts. Keine Lebensmittel, keine Hygieneartikel, nichts. Hilfe heißt nicht, jedes Verhalten zu decken. Hilfe heißt auch, Grenzen zu setzen. Wer andere bedroht, wer Frauen Angst macht, wer Schwächere verdrängt, kann nicht erwarten, dass wir so tun, als wäre alles in Ordnung.

Wir gingen zurück zu Franziska und sie kam mit zum Bus. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr zu vermitteln, dass ich Milenko sehr deutlich ins Gewissen geredet habe. Aber Franziska war in diesem Moment so voller Angst und Wut, dass sie immer lauter wurde und mich schließlich anschrie. Ich erklärte immer wieder, dass ich auf ihrer Seite bin und dass ich sie und Emma nicht allein lasse. Dass ich verstehe, dass sie Angst hat. Aber in diesem Moment konnte sie es nicht annehmen.

Auch das gehört zur Arbeit mit Menschen auf der Straße. Man hilft, man schützt, man steht auf ihrer Seite, und trotzdem bekommt man manchmal den ganzen Schmerz ab. Nicht, weil man der Feind ist, sondern weil man gerade da ist. Weil die Angst irgendwo hin muss. Weil Menschen, die dauernd unter Druck stehen, manchmal nicht mehr unterscheiden können, wer hilft und wer bedroht.

Beim Bus bekam Franziska noch Lebensmittel und Hygieneartikel. Sie begann wieder davon zu sprechen, wie groß ihre Angst vor Milenko ist und ich verstehe diese Angst, ich verstehe sie sehr gut. Ich merkte auf dem Weg zum Bus dass die kleine Emma ihr Pfötchen nicht belasten kann, auf meine Frage was Emma hat, kam von Franziska lediglich: „Tja, Emma hat schon länger wahrscheinlich Glassplitter in der Pfote und was der Grund ist, dass sie hinkt“. Ich gebe Franziska mit der Auflage, unbedingt eine Rechnung des Tierarztes vorzulegen, € 100,- für den Tierarzt, zu dem sie morgen Montag gleich gehen wird, mit Emma.

Danach ging es weiter zum Brucknerhaus. Dort hatte uns der Portier gesagt, dass unter der Treppe zum Restaurant ein obdachloser Mensch liegen würde. Also schauten wir genau nach. Wir leuchteten alles mit unseren Taschenlampen aus, suchten sorgfältig, aber fanden keinen Menschen, nur einen Sack mit einer Decke und einem Schlafsack, der dort gebunkert wurde. Also auch hier Fehlanzeige.

Weiter ging die Linz-Tour zur Nibelungenbrücke, zur Eisenbahnbrücke, weiter durch die Nacht. Es war mittlerweile 23.45 Uhr. Eine Uhrzeit, zu der viele Menschen schon schlafen. Eine Uhrzeit, zu der andere gerade erst richtig mit der Nacht kämpfen. Mit der Nässe, mit der Angst, mit der Einsamkeit, mit der Frage wo ich liegen und bleiben kann, ohne wieder vertrieben zu werden?

Wir fuhren Richtung Neue Heimat, zu Tony ins DüK. Tony schlief schon, wir weckten ihn auf, denn wir hatten gespendeten Tabak und Zigaretten sowie einige Lebensmittel für ihn dabei. Darüber freute er sich sehr. Solche Dinge mögen für Außenstehende unwichtig wirken, aber auf der Straße ist vieles anders. Eine Zigarette kann ein kleiner Trost sein, ein Stück Normalität, ein Moment, in dem jemand spürt dass da jemand an mich gedacht hat.

Ich erzählte Tony von Lenny und auch Tony versteht Lenny nicht, vor allem, weil Lenny fast zwei Jahre lang immer wieder sagte: „Mah Walter, bitte, ich brauche eine Wohnung, sonst krepiere ich hier auf der Straße.“ Und jetzt hatte er eine Wohnung, eine echte Chance und er nützte sie nicht. Auch Tony, der Lenny wirklich gut gesinnt ist, versteht ihn nicht mehr und schüttelt nur mehr den Kopf.

Aber so ist es manchmal, man kann es nicht erzwingen, man kann jemanden nicht in ein besseres Leben tragen, wenn dieser Mensch selbst nicht mitgeht. Das ist bitter und das macht wütend, das macht traurig, aber es ist die tägliche Realität.

Von Tony fuhren wir zur letzten Station in der Salzburger Straße, zu Oliver und Hansi. Hansi meldete sich erst gar nicht, weil er nicht da war. Oliver hatte seine Tür nur angelehnt und wurde durch unsere Rufe munter. „Brauchst Lebensmittel?“ „Ja, bitte“, klang es aus dem Olivers DüK.

Nach einigen Zügen an seiner Zigarette kam Oliver mit zum Bus. Wir richteten ihm etwas zusammen, damit er nicht hungern muss. Oliver war überaus dankbar und er zeigte es auch. Man merkte ihm an, dass er wirklich schätzt, was wir machen. Diese Dankbarkeit ist nicht selbstverständlich aber wenn sie kommt, dann geht sie direkt ins Herz.

Um 00.45 Uhr brachen wir auf. Eigentlich hätte man meinen können, jetzt fahren wir heim. Aber nein, wir fuhren noch einmal nach Haid, um nachzuschauen, ob Gerald vielleicht doch noch an seinem alten Platz ist, wieder suchten wir, wieder schauten wir, aber Gerald war nicht zu sehen.

Also gut. Dann ab ins Lager nach Ansfelden.

Dort luden wir alles wieder aus und lagerten ein, was übrig geblieben war. Es war spät und wir waren alle müde. Der Tag war lang, aber während wir ausluden, war uns eines klar: Solange wir keinen geregelten Verteil-Donnerstag haben, solange viele unserer Schützlinge nicht wissen, wovon sie leben sollen, solange Menschen Hunger haben und auf Hilfe angewiesen sind, können wir nicht einfach nichts tun. Darum haben wir beschlossen, dass wir die Linz-Tour bis auf Weiteres in einem 14-Tages-Rhythmus fahren werden.

Alle zwei Wochen, zu den Schlafplätzen, zu den Hotspots, zu den Menschen, die uns brauchen. Solange wir keinen fixen Verteilplatz haben, werden wir diesen Weg beschreiten. Weil niemand hungern soll und weil Menschen auf der Straße nicht noch zusätzlich darunter leiden sollen, dass Strukturen fehlen. Weil wir nicht warten können, bis Politik, Verwaltung und Zuständige irgendwann vielleicht einmal erkennen, was längst offensichtlich und dringend notwendig ist.

Um 1.30 Uhr war schließlich alles wieder ins Lager gekarrt. Wir brachen auf nach Hause. Der Tag war sehr lange, viel zu lang eigentlich, aber er war notwendig.

Und wenn ich auf diese Tour zurückblicke, dann bleiben viele Bilder.

Der Starkregen beim Volksgarten.
Die Menschen, die trotzdem zum Bus kamen und kommen mussten.
Die Dankbarkeit in den Gesichtern bei der Ausgabe.
Die angespannte Situation am Bahnhof mit der Security.
Lenny, der seine Chance nicht nutzen konnte.
Peter im DüK, schwierig und eigen, aber trotzdem ein Mensch.
Der Wissenschaftler Peter mit seinen Berechnungen, seiner Angst und seiner Geschichte vom Überfall.
Sabrina, eingeschüchtert und vertrieben.
Franziska und Emma, voller Angst und Wut.
Milenko, dem endlich klare Grenzen gesetzt werden mussten.
Tony, verschlafen, aber dankbar.
Oliver, der aus seinem DüK kam und sich ehrlich freute.
Gerald, den wir suchten und nicht fanden.
Und dieser Satz von Thomas, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Kämpfe keinen Krieg, den du von vornherein gar nicht gewinnen kannst.“

Vielleicht stimmt das, vielleicht kämpfe ich seit Jahren einen Kampf, den ich nicht gewinnen kann. Vielleicht kann man gegen Gleichgültigkeit, politische Kälte und strukturelles Versagen nicht wirklich gewinnen. Vielleicht kann man die Welt nicht retten und vielleicht kann man Linz nicht verändern. Vielleicht kann man nicht jeden Menschen von der Straße holen, vielleicht kann man nicht jeden schützen, nicht jeden erreichen, nicht jede Chance retten.

Aber ich weiß auch eines:

Wenn wir nicht fahren, haben diese Menschen nichts.
Wenn wir nicht hinschauen, schaut oft niemand hin.
Wenn wir nicht zuhören, bleiben viele stumm.
Wenn wir nicht helfen, bleibt Hunger.
Wenn wir nicht da sind, bleibt Einsamkeit.
Wenn wir nicht kämpfen, hat die Gleichgültigkeit schon gewonnen.

Vielleicht kann ich diesen Krieg nicht gewinnen.
Aber ich kann einzelne Schlachten der Menschlichkeit schlagen.
Ich kann einem Menschen zu Essen geben.
Ich kann einer Frau sagen: „Du bist nicht allein.“
Ich kann einem Mann Tabak bringen, weil es ihm den Abend leichter macht.
Ich kann jemanden suchen, auch wenn ich ihn nicht finde.
Ich kann widersprechen, wenn über unseren Verein Unwahrheiten verbreitet werden.
Ich kann Grenzen setzen, wenn jemand andere bedroht.
Ich kann den Bus beladen, auch wenn ich müde bin.
Ich kann um 1.30 Uhr noch ausladen, auch wenn der Körper längst genug hat.
Ich kann weitermachen.

Und genau das werden wir tun.

Unser Dank gilt all unseren Spenderinnen und Spendern. Ohne euch wäre diese Tour nicht möglich gewesen. Ohne eure Lebensmittelspenden, Hygieneartikel, Kleidung, Geldspenden, Tabakspenden, eure Unterstützung und euer Vertrauen könnten wir diese Menschen nicht versorgen. Jede einzelne Spende findet ihren Weg zu einem Menschen, der sie braucht. Jede Packung, jedes Weckerl, jede Dose, jedes Duschgel, jede Zahnbürste, jeder Schlafsack, jede kleine Gabe bedeutet draußen mehr, als viele glauben.

Danke an Christian und Thomas für diese lange, intensive und nicht einfache Tour. Danke fürs Mittragen, Mithören, Mitdenken, Mitfühlen. Solche Nächte fährt man nicht allein. Solche Nächte schafft man nur gemeinsam.

Und an unsere Schützlinge wollen wir etwas Optimismus verbreiten, wir sehen euch wieder, schon sehr bald. Wir vergessen euch nicht, auch wenn vieles schwierig ist. Auch wenn manche Situationen anstrengend, laut, traurig oder belastend sind. Ihr seid Menschen, und solange wir können, werden wir euch nicht einfach im Regen stehen lassen.

Diese Linz-Tour hat wieder gezeigt, warum unsere Arbeit notwendig ist.

Nicht, weil wir Helden sind.
Nicht, weil wir alles lösen können.
Nicht, weil wir perfekt sind.

Sondern weil da draußen Menschen sind, die Hunger haben. Menschen, die Angst haben und Menschen, die keine Lobby haben. Menschen, die von vielen nur als Problem gesehen werden, aber in Wahrheit ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte haben.

Und genau deshalb fahren wir weiter.

Alle 14 Tage, bis auf Weiteres, solange wir gebraucht werden, solange es uns möglich ist und solange unsere Schützlinge auf der Straße nicht wissen, wovon sie leben sollen.

Danke an alle, die uns unterstützen, danke an alle, die helfen, danke an alle, die nicht wegschauen.

Gott segne euch!

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