Eine Tour, für unsere Schützlinge!

Eine Tour, für unsere Schützlinge!
Linz-Tour vom 25.7.2026:
Vormittags alles kommissionieren und herrichten, was wir heute für die Linz-Tour mitnehmen werden, dass wir genug Lebensmittel dabeihaben, so dass alle Lebensmittel und Hygieneartikel bekommen.
Babsi, eine junge Dame aus dem Mühlviertel, besuchte uns am Vormittag im Lager, da sie uns künftig tatkräftig unterstützen möchte. Sie war mit ihrem Sohn Leo bei uns und sagt uns zu, als aktives Mitglied Teil unseres Teams zu werden. Ich freue mich riesig.
So lange wir keinen fixen Verteilplatz oder einen Raum haben, von wo aus wir den Verteil-Donnerstag abhalten können, so lange fahren wir alle 14 Tage die Linz-Tour zu den Hot-Spots und Schlafplätzen unserer Schützlinge. Heute mit dabei sind Biggi und Paul.
Silke, eine junge Frau aus Wels informierte mich diese Woche, dass unser Gerald derzeit in Wels ist, dort in der Wiese ohne Decke und ohne Schlafsack schläft. Deshalb fahren wir heute etwas früher weg und machen den ersten „Ausflug“ nach Wels. Gerald jedoch ist nicht da, ein vorbeifahrender Autofahrer bleibt stehen und erzählt uns, dass Gerald vor etwa 2 Stunden noch beim Lidl, ein paar Meter weiter vorne, gesehen wurde.
Ich rufe Silke an, die uns den Standort von Gerald meldete, wir packen eine große Einkaufstasche voll, mit allem Notwendigen und mit 2 Packungen Zigaretten, die wir gespendet bekamen und stellen es Silke vor die Haustür. Sie wird es am Abend Gerald bringen. Wir fahren jetzt noch beim Lidl vorbei und schauen, ob Gerald irgendwo zu sehen ist, aber weit und breit nichts von ihm zu sehen. Also zurück nach Linz, zum normalen Ablauf unserer heutigen Tour.
Der erste Hot-Spot ist der Volksgarten, wo wir Gabi besuchen. Sie hat bei der letzten Tour vor 14 Tagen einige Sachen bestellt, die wir ihr heute geben. Direkt neben Gabi hat sich ein dunkelhäutiger Mann gelegt, vor dem sie Angst hat. Ich rede auf den Mann ein, dass er sich doch bitte irgendwo einen anderen Schlafplatz suchen soll, weil Gabi alleine bleiben möchte. Der Mann lacht uns aus, was mich noch direkter werden ließ und ich forderte ihn nochmal auf, diesen Platz hier unmittelbar neben Gabi, zu verlassen, weil sie Angst hat. Auch diesmal lacht er uns nochmal aus und geht körperlich in eine Angriffsstellung, so als ob er mich angreifen möchte. Paul und ich reden instinktiv auf ihn ein und klären ihn über die Konsequenzen auf, sollte er auf mich einschlagen. Er nimmt seinen Schlafsack und geht weg, dreht sich des Öfteren noch um und murmelt irgendetwas in unsere Richtung.
Zeit, mit Gabi die paar Meter zum Bus zu gehen, um ihr einige Lebensmittel und Hygieneartikel sowie einige Kleidungsstücke einzupacken. Wir werden später nochmal vorbeikommen und nachschauen, ob der gute Mann auch wegbleibt, von Gabi.
Aufgrund des Pflasterspektakels in Linz, mit vielen tausend Besuchern und größter Parkplatznot, gehen wir gleich von Gabi weg zu Fuß durch den Volksgarten und dann weiter zum Schillerpark, um unsere Schützlinge zu suchen. Einige treffen wir und sagen allen, dass wir um 18.30 Uhr bei der Post am Bahnhof sind und dort unseren heutigen Verteiler haben.
Auf dem Weg durch den Volksgarten und Schillerpark, kommen uns einige Obdachlose entgegen, Florian z.B., der früher beim Brucknerhaus mitten im Dreck lag, er läuft heute mit einem dicken Winteranorak herum und möchte nicht angesprochen werden. Florian ist Doppeldoktor, Akademiker, und schwer psychisch krank. Florian konsumiert weder Drogen noch Alkohol, er bekommt keine Leistung, ist nicht krankenversichert und durchsucht die Mülltonnen nach ein paar Pfandflaschen oder Essbarem. Ein schlimmer äußerlicher Zustand, in dem sich Florian befindet.
Wir gehen zurück zu unserem Bus, der bei der Arbeiterkammer steht. Als wir zurückkommen fragt uns eine gut gekleidete nicht deutschsprechende Frau, ob sie auch etwas haben könnte, was ich verneine, weil für diese Menschen die Caritas zuständig ist und wir uns immer überzeugen müssen, keine illegalen Menschen aus dem Ausland zu versorgen, wir würden uns strafbar machen.
Also brechen wir auf, zur Post, wo schon ganz viele unserer Schützlinge und viele andere Menschen auf die Ankunft eines Busses warten, und die hier ihre Kids abholen. Wir suchen uns einen Platz mit dem Bus, und bitten die Leute, diszipliniert und leise zu sein, wir können hier keine unnötigen Probleme brauchen.
Biggi geht gleich seitlich in den Bus und beginnt mit der Ausgabe, und Paul kümmert sich hinten, im Bus um die Kühl- und Tiefkühllebensmittel, sowie um Obst und Gemüse, das wir hinten eingeladen haben. Ich verteile die frisch zubereiteten Wurstsemmeln und jede/r bekommt 2 Zigaretten.
Ich werde von allen Seiten zum Tod von Basti und Marco angesprochen, und ich merke das schwere Gemüt, das heute alle mitbringen. Auch Tränen sind heute in vielen Augen, und es ist absolut unverständlich, was mit den Beiden geschah. So jung und so ein dramatischer Ausgang, niemand hat damit gerechnet. Ich möchte bewusst keine Einzelheiten zum Tod der Beiden veröffentlichen, weil es mir die Pietät nicht erlaubt. Nur so viel, es war weder ein Alkohol- noch ein Drogentod, keines von Beiden.
Ich rede mit unseren Schützlingen, über alles was irgendwie unter den Nägeln brennt, und derer Themen gibt es zuhauf. Heute ist wieder so ein Verteiler, wo man deutlich merkt, dass heute das persönliche, vertraute Gespräch wichtiger ist, als Lebensmittel oder Kleidung. Sie erzählen mir, welche Bosheiten ihnen von Beamten und Ämtern in den Weg gelegt werden, wo man nur noch unverständlich Kopfschütteln kann. Die Willkür ist schon echt ein großer Teil im Umgang mit obdach- und wohnungslosen Menschen. Traurig, aber ist so!
Auch Sabrina ist heute hier, sie suchen wir schon mehrere Wochen, wir wussten nicht was mit ihr passierte. Sie erzählt mir, dass sie auf der geschlossenen Abteilung im WJ-Krankenhaus war und dass sie nun von ihrem Erwachsenenvertreter eine kleine Wohnung zugewiesen bekam. Endlich, denn genau dieser Erwachsenenvertreter gab Sabrina bis vor kurzem nur 20,- pro Woche, für Lebensmittel. Ein Hohn! Es geht ihr gut, sie ist gepflegt und gibt mir ihre Adresse, um ihr ab und zu Lebensmittel und alles Wichtige vorbeibringen zu können. Heute aber nimmt sie sich eine große Einkaufstasche voller Lebensmittel mit und ist glücklich, darüber.
Viele sagen uns auch heute wieder, wie gut es ist, dass es uns gibt, weil sie sonst nicht mehr wüssten, wie sie zu Lebensmittel kommen würden. Die Wertschätzung uns gegenüber tut schon gut und wenn man spürt, dass uns eine große Dankbarkeit entgegengebracht wird, dann machen wir einiges richtig, finde ich.
Wir stehen über 2 Stunden bei der alten Post, und nur an diesem Hot-Spot kamen heute etwa 50-60 Bedürftige, Biggi kam ganz schön ins Schwitzen, da es auch zusätzlich ziemlich schwül war und die Temperaturen unerträglich waren. Wir verteilen heute seit unserer Ankunft hier, kalte Getränke, was sehr gerne angenommen wird. Viele der Lebensmittelboxen sind bei Abfahrt von der Post, schon leergeräumt, haben aber noch genug mit dabei, für alle die wir heute noch treffen werden.
20.45 Uhr, Abfahrt nach Urfahr, zu Peter. Am Pleschingersee packen wir alle Sachen für Peter, in unseren Bollerwagen, Paul zieht ihn. Durch den Wald, entlang der Donau, vorbei an 2 Damen die am Ufer an der Donau sitzen und den Ausblick genießen. Ein paar Meter weiter sehen wir schon Peter, er ist heraussen aus seinem Zelt und zeigt uns, den Holzstoß, den er im Fall einer Räumung anzünden möchte. Peter hat vor etwa 1 Monat den Bescheid bekommen, den Platz zu räumen, er kommt diesem Bescheid nicht nach, weil er gar nicht weiß, wohin er gehen soll. Wie gewohnt treibt auch hier die Stadt Linz wieder obdachlose Menschen wie ein Stück Vieh vor sich her, ohne eine Alternative oder einen Platz anzubieten, wo sich unsere Schützlinge aufhalten dürfen. Seit Jahren geht das so von Seiten der Linzer und O.Ö. Politik. Zum Schämen!
Peter zeigt uns auch seine Doppelaxt, die er vermutlich gegen Beamte benützen würde, wenn man ihn dort delogiert. Peter ist schwer psychisch krank, und sagt nach eigenen Worten: „Ich habe nichts mehr zu verlieren“. Ich versuche ihm ins Gewissen zu reden, doch er weist jede meiner Kritiken zurück. Ich habe auch keinen Platz wo Peter bleiben könnte und dürfte, wir können nur mit Lebensmittel und Kleidung helfen, wir sind keine Psychologen oder Sozialarbeiter, wir sind Menschen die wertschätzend mit Obdachlosen umgehen, denen aber die tiefe Struktur und die Anforderung einer psychosozialen Ausbildung fehlen. Das maßen wir uns nicht an.
Es ist finster geworden, es ist mittlerweile 21.45 Uhr, wir brauchen eine kurze Pause und steuern unsere Tankstelle an, um einen Cappuccino zu genießen. Wir genießen diese kurze Pause und das Gespräch, über den bisherigen Verlauf der Linz-Tour. Nach einer halben Stunde fahren wir weiter.
Franziska bat uns, bei ihrem früheren Zelt vorbeizuschauen, dass sie wegen Milenko verlassen musste, weil dieser sie sexuell belästigte und bedrängte, ob wir dort den Schlafsack finden, den sie von uns bekam. Bei Ankunft hörten wir im Inneren des Zeltes einiges rascheln, was auf Ratten hindeutete und was mich davon abhielt, ins innere des Zeltes zu kriechen. Franziska bekommt einen neuen Schlafsack von uns, der alte ist wahrscheinlich schon von Ratten zerfressen.
Nach der Nachschau bei Franziskas Zelt brechen wir wieder auf, und zielen den nächsten Schlafplatz an. Brucknerhaus, es lärmt von der Sandburg und wir gehen unsere Runde, rund um das Brucknerhaus, um zu schauen ob sich hier wer niedergelassen hat. Aber niemand da.
Also auf, zur Nibelungenbrücke, wo immer noch ganz viele Menschen vom Pflasterspektakel tanzen und diskutieren. Wir fahren langsam dem Urfahrmarktgelände entlang und halten die Augen offen, aber niemand erkennbar.
Mittlerweile ist es 23 Uhr vorüber, fahren jetzt nochmal zu Gabi im Volksgarten, sie ist noch wach und der Herr, der sie bedrängte, ist tatsächlich weg. Gut so!
Wir schauen nochmal zum Bahnhof, in den Park, wo noch einige wach sind, wir setzen uns zu ihnen und hören uns die Geschichten an. Timmys Ex-Freundin ist auch da, die uns erzählt wie enttäuscht sie von ihm ist. Tja, liebe Biene, der „gute“ Timmy hat schon vor Jahren unserem damals 73-jährigem Affi, der niemandem etwas tun konnte, der immer nur leise redete und der niemals über jemanden schimpfte, im Schlaf die Geldtasche und die Bankomatkarte gestohlen und alle Ersparnisse von Affi in Alkohol umgesetzt. Wer so etwas tut, bekommt von mir keine Unterstützung mehr. Timmy aber bettelte mich ab und zu an um Lebensmittel, wo ich dann das eine oder andere Mal nicht nein sagen konnte. Diesmal aber kam heraus, dass er wieder jemandem die Geldtasche mit 400,- Inhalt gestohlen hat. Jetzt ist gänzlich Schluss, er bekommt ab sofort definitiv gar nichts mehr von uns. Das ist die unterste und allerletzte Schublade, die ich ganz bestimmt nicht mehr unterstütze.
Es ist 23.50 Uhr geworden und wir brechen zu den letzten Stationen auf. Zuerst zu Tony, ins DüK bei der Pfarre „Guter Hirte“. Bei Ankunft räumt der Messner gerade sein Auto ein, ich begrüße ihn und er freut sich, dass wir uns um Tony kümmern. Wir packen einige Taschen zusammen und gehen hinter das Gebäude, wo das DüK von Tony steht. Wir klopfen, Tony hat schon geschlafen, er öffnet lächelnd und freut sich, uns zu sehen. Wir haben Getränke und haltbare Lebensmittel dabei, und 2 Packungen Zigaretten. Biggi und Paul gehen nochmal zum Bus und holen noch ein paar Wünsche von Tony, ich gebe ihm aus meiner privaten Tasche 40,-, worüber er sich sichtlich freut. Biggi und Paul bringen die gewünschten Sachen und wir lassen Tony weiterschlafen.
Auf geht’s in die Salzburgerstraße, zu Oliver und Hansi. Sie warten schon auf uns und kommen mit den leeren Taschen, die wir jetzt befüllen werden. Oliver ist wählerisch bei den Lebensmitteln, was ich verständnislos anspreche. Oliver hat für alles eine Ausrede und „Erklärung“, warum er jenes oder dieses nicht mag, ich versuche einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, es ist schon 00.30 Uhr. Hansi ist dankbar und nimmt das Meiste gerne mit. Biggi möchte sich noch die DüK’s der Beiden anschauen, deshalb gehen wir mit, zu ihrem DüK. Liebevoll hergerichtet, mit Sonnenschutz und Lampen, können sich die Beiden dort eines Daches über dem Kopf erfreuen. Wir drehen noch eine Runde um das leerstehende Lager und sind erstaunt, über die vielen leerstehenden Flächen.
Um 00.50 Uhr, brechen wir auf, Richtung Lager Ansfelden, die heutige Tour war intensiv, emotional und anstrengend. Wir sind leer und möchten alle nur mehr alles ausladen, im Lager wieder alles einlagern und dann heimfahren. Die TK-Truhe, die wir mithatten, putzt unsere Biggi noch fein säuberlich, alles andere wird in die Trolleys gepackt und ins Kleiderlager gestellt. Die Lebensmittelboxen sind erstaunlich leer geworden, und trotzdem müssen wir uns wegen der Übersicht ein anderes System für die Linz-Tour überlegen, das geschieht in den nächsten Wochen.
Um 1.50 Uhr verlassen Biggi, Paul und ich das Lager und fahren heim, um 2 Uhr bin ich daheim, und werde bis 4 Uhr vor meinem geistigen Auge sitzen und werde alles nochmal Revue passieren lassen, jedes Wort reflektieren und abwiegen, es ist heute viel gesprochen worden, vieles wurde mir anvertraut und vieles, möchte ich am liebsten von mir stoßen, was ich aber seit vielen Monaten nicht mehr schaffe.
Euch danke ich für die Aufmerksamkeit und wünsche euch einen tollen, stressfreien Wochenbeginn.
Gott segne euch!
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