Der eisige Asphalt und die dünne Decke!
Der eisige Asphalt und die dünne Decke!
Verteil-Donnerstag vom 4.12.2025:
Weihnachten zwischen Einkaufslichtern und kalten Stufen:
Melanie* ist Anfang vierzig. Früher hat sie in einer kleinen Wohnung gewohnt, mit Balkon und einer Topfpflanze, die sie liebevoll „Lotte“ genannt hat. Heute hat sie keinen Balkon mehr, keine Pflanze, keinen eigenen Schlüssel und kein Dach mehr über dem Kopf.
Ihr Alltag beginnt auf einer kalten Stufe beim Landesdienstleistungszentrum vis a vis vom Hauptbahnhof, das nachts fast menschenleer ist. Sie hat dort ihre Ecke gefunden, ein Vorsprung, halb vom Wind geschützt, der Boden hart, aber trocken. Zwischen Kartons, einer alten Decke und zwei Plastiksackerln mit ihren wenigen Sachen versucht sie jede Nacht, ein bisschen zu schlafen.
Der Morgen in der Kälte:
Es ist noch dunkel, als Melanie* die Augen öffnet. Ihre Schultern sind steif, der Rücken schmerzt vom harten Boden. Sie zieht die dünne Decke weg und setzt sich langsam auf. Die Luft brennt in der Lunge, so kalt ist sie. Ein Schluck aus der Wodkaflasche muss jetzt sein, dieses Leben tut jeden Tag nur noch weh, sehr weh!
Zuerst tastet sie automatisch nach ihren Sachen: Tasche da, Sackerl da, Schuhe noch an den Füßen. Ein kurzer Moment der Erleichterung. Draußen schlafen bedeutet immer auch die Angst, dass jemand kommt, während du hilflos bist - und dir das Wenige nimmt, das du noch besitzt. Manchmal stehlen Jugendliche meine neben dem Schlafplatz abgestellten Schuhe, dann muss ich erst wieder neue organisieren und bei Gott bestellen, bis dahin habe ich noch Socken, mit denen ich herumspaziere. Kalte Füße und die bösen Blicke Anderer sind mir sowieso sicher, also was solls!?
Ihre Hände sind klamm, die Finger rissig und offen, die Fingernägel schmutzig und dreckig. Sie versucht, sie aneinander zu reiben, um ein bisschen Wärme zu erzeugen. In ihren Schuhen sind zwei Paar Socken übereinander, aber an manchen Stellen sind Löcher, die Kälte kriecht durch jede Faser. Die Socken haben schon die Form der Füße angenommen und lassen sich nicht mehr zusammenlegen. Wenn die Socken dauernd nass und feucht werden, werden sie getrocknet steif und unangenehm zu tragen. Aber sie hat keine anderen Socken oder Strümpfe.
Als die Stadt langsam erwacht, packt Melanie* ihre Sachen zusammen. Die Isomatte, die sie untergelegt hatte, lässt sie in der Nische liegen, vielleicht kann sie sie heute Nacht wieder benutzen, wenn sie noch da liegt dann. Die Decke stopft sie in eine Tasche, die schon lange nicht mehr richtig schließt. Der Reißverschluss ist kaputt und ausgerissen.
Sie geht in Richtung Fußgängerzone. Nicht, weil sie Lust auf Menschen hat, sondern weil sie dort am ehesten ein bisschen Geld für einen Toilettengang, etwas Essen oder einen Kaffee bekommen kann. Je näher der Heilige Abend kommt, desto voller werden die Straßen - und desto stärker fühlt sich Melanie* fehl am Platz, fühlt sie sich als „Störenfried“ der Gesellschaft, die Melanie* mit abgrundtief bösen Blicken straft.
Unterwegs zwischen glänzenden Auslagen:
Die Schaufenster sind völlig überladen mit weihnachtlicher Deko, Sterne, Lichterketten, Plastikschnee, große Schilder mit „Weihnachtsaktion“, „Sale“, „Geschenkideen“. Melanie* geht daran vorbei und versucht, nicht zu lange hinzusehen. Früher ist sie selbst in dieser Zeit durch Geschäfte spaziert, hat nach Geschenken geschaut. Heute hat sie nicht einmal Geld für eine einfache Semmel oder die 50 Cent für die Toilette.
An einer Ecke setzt sie sich auf den Boden. Sie breitet eine kleine dünne Decke aus, setzt sich drauf, stellt einen Pappbecher vor sich hin. Es ist ein Platz, den sie kennt, viele Menschen gehen hier vorbei, auf dem Weg zu den Weihnachtsständen, den Geschäften, den Lokalen und den Adventmärkten
Die ersten Passanten kommen.
Viele sehen weg. Manche werfen einen kurzen Blick auf sie - einen, in dem sich Mitleid und Ablehnung mischen - und wenden sich dann mit einer ablehnenden Gestik wieder ab. Einige gehen mit einem schnelleren Schritt vorbei, als müssten sie vor etwas flüchten, das sie nicht benennen wollen, der Angst, dass auch ihnen so etwas passieren könnte.
Ab und zu wirft jemand eine Münze in ihren Becher.
Manche sagen „Alles Gute“ oder „Frohe Weihnachten“.
Andere schweigen, werfen einfach etwas hinein und gehen weiter.
Ein junger Mann bleibt stehen und hält ihr einen Pappbecher hin.
„Für Sie“, sagt er etwas unsicher. „Ein Kaffee, schwarz, ich hoffe, das passt.“
Melanie* nimmt ihn mit beiden Händen, als wäre er ein kostbarer Schatz. Die Wärme tut ihren Fingern gut, und als sie den ersten Schluck trinkt, spürt sie, wie sich ein kleiner, angenehmer Schmerz in ihrem Inneren ausbreitet, das Brennen, wenn etwas Warmes auf viel Kälte im Körperinneren trifft.
„Danke“, sagt sie. „Wirklich, danke.“
Er nickt nur hastig und geht weiter, fast verlegen. Aber dieses kurze Innehalten, dieses „Ich sehe dich“ bleibt in ihr hängen. Es hat damit zu tun, die Würde eines Menschen dort zu lassen, wo sie hingehört, bei den Menschen.
Natürlich gibt es auch die andere Seite.
Ein Mann in dicker Winterjacke schnaubt, als er an ihr vorbeigeht.
„Unverschämt, sich da so herzusetzen“, murmelt er, gerade laut genug, dass sie es hört.
Eine Frau im Pelzmantel verdreht die Augen und zieht ihr Kind näher an sich. „Schau dort nicht hin“, sagt sie leise zum Kind. „Komm, weiter.“
Solche Sätze brennen im Kopf, gehen nicht unter, bleiben immer präsent, tun weh, sehr weh! Sie treffen Melanie* mitten ins Herz hinein. Dabei kennt keiner von ihnen ihre Geschichte. Niemand weiß, wie viel sie schon versucht hat, wie oft sie sich an Ämter gewandt hat, wie viele Absagen und wieviel Willkür sie kassiert hat und spüren musste, wie oft sie an sich gezweifelt hat. Für sie ist sie nur die „Frau am Boden mit dem Becher“.
Die Donnerstage bei der Obdachlosenhilfsaktion:
Donnerstage bedeuten für Melanie* etwas Besonderes.
Donnerstag ist Verteil-Tag. Ein Tag, an dem sie nicht nur Bittstellerin ist, sondern Mensch.
Schon am Vormittag denkt sie daran. Sie zählt im Kopf das Geld, das sie vielleicht bis dahin noch bekommt, überlegt, wie sie die Zeit bis dahin überbrücken kann. Sie weiß, am Nachmittag kann sie sich anstellen, bekommt Lebensmittel, heißen Tee, etwas zu essen und vielleicht sogar ein Stück warme Kleidung, das sie vor der Kälte schützt.
Wenn der Nachmittag näher rückt, macht sie sich auf den Weg. Es ist ein Stück zu gehen, aber sie kennt die Strecke. Das sind jene Meter in Melanie’s* Leben, in denen sie ein kleines Licht am Ende des Tages sieht und ab und zu wieder Hoffnung schöpfen kann.
Als sie ankommt, sieht sie schon andere bekannte Gesichter. Menschen, die ebenfalls auf der Straße leben, Menschen, die in schlechtesten Wohnverhältnissen leben, Menschen, die mit viel zu wenig Geld den Monat überstehen müssen.
Das Team der Obdachlosenhilfsaktion ist beschäftigt:
Sie räumen Kisten, sortieren Brot, schauen Obst und Gemüse durch, füllen die Regale im Büro. Es ist ein geschäftiges, aber liebevolles Durcheinander. Und inmitten dieses Trubels, inmitten von Kisten, Regale und Kleiderstapeln, fühlt Melanie* sich nicht wie ein Störfaktor, sondern wie jemand, der hier erwartet wird und als jemand, der hier gerne gesehen ist.
Sie stellt sich in die Reihe. Wenn sie dran ist, wird sie mit einem Lächeln begrüßt. „Hallo Melanie*, wie geht’s dir heute?“
Diese Frage klingt anders als von Passanten auf der Straße. Sie ist nicht oberflächlich, nicht schnell dahingesagt. Sie wird gestellt, als würde die Antwort wirklich interessieren.
„Es geht“, sagt Melanie* meistens. Was soll sie auch sonst sagen? Dass sie müde ist, dass ihr alles wehtut, dass sie Angst hat vor der nächsten Nacht? Manchmal bricht es aber doch aus ihr heraus, dann erzählt sie kurz von den Nächten in der Nische, von der Kälte, von dem ständigen Frösteln und den hohen Minusgraden, von denen man sich nicht erholen kann, weil sie kein Mitleid haben und einfach jeden Tag die Zähne des Winters zeigen. Und dann hört ihr tatsächlich jemand zu. Nicht mit mitleidigem Blick von oben herab, sondern mit ruhigem, aufmerksamen Zuhören.
Melanie* bekommt Brot, etwas Obst, etwas Aufstrich, vielleicht ein Joghurt. Ein kleiner Vorrat, der ihr hilft, die nächsten Tage zu überstehen. Sie fühlt sich nicht wie jemand, der um „Almosen“ bettelt, sondern wie eine Person, der etwas zusteht, weil sie ein Mensch ist, der Hilfe braucht, und deshalb fühlt sie sich in der Warteschlange beim Verteil-Donnerstag neben anderen Obdachlosen, wohl.
Wenn es Kleidung gibt, ist sie besonders dankbar. Eine dicke Jacke, eine Haube, ein Schal, neue Handschuhe, das sind für sie keine Dinge, sondern Lebensretter. Manchmal hilft ihr Anni vom Team beim Aussuchen, schaut, was passen könnte, was warm genug ist, haben wir etwas nicht in passender Größe, wird es notiert und nächste Woche mitgenommen.
In solchen Momenten ist es, als bekäme sie ein großes Stück ihrer verlorengegangenen Würde zurück.
Die Weihnachtszeit, Gefühle zwischen Hoffnung und Schmerz:
Weihnachten verstärkt alles. Die Lichter wirken heller, aber auch härter. Die Musik klingt festlicher, aber auch trauriger.
Die Gerüche von Punsch, Keksen und Braten erinnern Melanie* an Zeiten, in denen auch sie gekocht, gebacken, Gäste eingeladen hat.
Heute sitzt sie am Boden vor einem Einkaufszentrum und sieht Familien an sich vorbeiziehen. Eltern, die ihren Kindern erklären, warum der Weihnachtsmann kommt. Paare, die sich gegenseitig lachend Sackerl mit Geschenken zeigen. Freundesgruppen, die beschwingt von Punsch und guter Laune über den Christkindlmarkt ziehen.
Immer wieder fragt sie sich:
Wie konnte mein Leben so werden?
Wo war der Punkt, an dem alles gekippt ist?
Es ist nie nur ein Moment, nie nur eine falsche Entscheidung. Es war eine Reihe von Schicksalsschlägen, die sich aufeinander geschichtet haben und wo niemand mehr da war, der Melanie* auffängt. Jobverlust, Trennung, psychische Belastungen, ein paar falsche Menschen im näheren Umfeld, Papierkram, der liegen blieb, Termine, die verpasst wurden, Fristen, die abliefen und viele unbezahlte Rechnungen. Und irgendwann war da keine Wohnung mehr, kein Rückzugsort, nur noch die Straße.
In der Weihnachtszeit ist die Sehnsucht nach einem „Drinnen“ besonders groß: Ein warmes Zimmer. Eine Tasse Tee auf einem Tisch, der ihr gehört. Ein Bett mit sauberer Bettwäsche und einer warmen Tuchent.
Stattdessen hat sie eine Decke, eine Tasche und ein großes Stück eisigen Asphalt.
Ein Weihnachtsgeschenk und was es in ihr auslöst:
Es ist ein Nachmittag kurz vor Heilig Abend. Die Luft riecht nach verbranntem Zucker, nach Maroni, nach Punsch. Melanie* sitzt an ihrem gewohnten Platz, der Becher vor ihr. Ihre Füße sind trotz der Socken eiskalt, die Hände tun weh und sind weiß wie Schnee.
Da bleibt plötzlich eine Frau etwa in ihrem Alter stehen. Neben ihr ein Bub, vielleicht acht oder neun Jahre alt, mit einer roten Haube und verschmitztem Blick.
Die Frau hält ein kleines, eingepacktes Paket in der Hand, schlichtes Geschenkpapier, ein paar Sterne darauf gemalt. „Wir haben… ähm… das ist für Sie“, sagt die Frau, ein wenig unsicher.
Der Bub grinst verlegen. „Wir haben das ausgesucht“, fügt er hinzu.
Melanie* ist überrascht. „Für… mich?“ „Ja“, sagt die Frau. „Wir wollten heuer jemanden beschenken, der nicht so viel hat wie wir. Ist nichts Großes, aber… wir wollten es einfach tun ohne große Worte, nur aus tiefstem Herzen.“
Melanie* nimmt das Päckchen mit langsamen Bewegungen, als hätte sie Angst, es könnte gleich wieder verschwinden. „Danke“, sagt sie, und ihre Stimme bricht fast. „Danke. Frohe Weihnachten.“
Die Frau schaut ihr in die Augen, wirklich in die Augen. Kein hastiges „Na dann, tschüss“, kein Mitleidsblick, der schnell weiterwandert. Nur ein ehrlicher, warmer Blick voller Würde, voller Anerkennung und voller Menschlichkeit. „Frohe Weihnachten“, sagt sie. Der Bub winkt noch kurz.
Als die beiden weitergehen, sitzt Melanie* eine Weile nur da, Tränen kullern ihr über die Wangen und sie hält das Päckchen fest. Dann öffnet sie es vorsichtig. Drinnen findet sie eine warme Fleece-Haube, eine kleine Tafel Schokolade und eine handgeschriebene Karte. Auf der Karte steht: „Frohe Weihnachten. Ich wünsche dir, dass dir warm wird und dass jemand fest an dich denkt.“
Melanie* liest den Satz mehrmals. „Dass jemand an dich denkt.“
Genau das ist es, was sie so oft vermisst, das Gefühl, dass sie nicht einfach nur eine Person am Rand ist, eine „Randnotiz“ im Leben der Anderen. In diesem Moment fühlt sie sich gesehen.
Nicht als Problem.
Nicht als „Fall“.
Sondern als Mensch.
Die Mütze setzt sie sofort auf. Die Schokolade bricht sie in Stücke, sie hebt einen Teil auf für später, kleine Vorräte bedeuten Sicherheit. Die Karte faltet sie sorgfältig zusammen und steckt sie in ihre Brusttasche der Winterjacke. Sie wird sie später in ihrer Schlafnische noch einmal hervorholen und noch öfters lesen, vielleicht an Heiligabend, wenn die Einsamkeit sie besonders hart trifft. Dieses kleine Geschenk ändert ihre Situation nicht. Aber es ändert etwas in ihr, einen Funken Selbstwert, einen kleinen Rest Hoffnung.
In einem Meer aus Kälte, Ablehnung und Gleichgültigkeit ist dieses Päckchen wie eine Kerze, die jemand bewusst angezündet hat, nur für sie und wo sie hofft, dass diese Kerze möglichst lange brennen würde.
Heiligabend zwischen Beton und Kerzenlicht:
Martin* ist Ende fünfzig.
Er hat ein Gesicht, in das sich die Jahre tief eingegraben haben, Falten von Sorgen, Schatten von Nächten ohne Schlaf, Narben von einem Leben, das selten freundlich und nett zu ihm war. Früher hat er gearbeitet, Maler, Hilfsarbeiter, Lagerlogistik, alles Mögliche. Dann kamen Verletzungen, Kündigungen, die Scheidung, ein Scheidungsurteil und viel umständlicher Papierkram, den er nicht mehr verstanden hat. Und irgendwann war die Wohnung weg.
Seitdem ist die Straße sein Zuhause.
Der Schlafplatz - irgendwo, wo man „geduldet“ ist
Martin* schläft oft in einer Tiefgarage in Bahnhofsnähe Nicht jeden Tag, es kommt darauf an, ob er dort in Ruhe gelassen wird. Manchmal wird er von der Polizei vertrieben, manchmal drückt die Security beide Augen zu, solange er keinen Müll macht und morgens verschwunden ist.
In „seiner“ Ecke liegen ein paar Kartons, die er immer wieder organisiert, eine dünne Decke, und eine alte, schmale Isomatte, an der an den Rändern schon der Schaumstoff rausquillt. Der Betonboden zieht die Kälte an wie ein Magnet, sie kriecht durch alles durch. Doch im Vergleich zur offenen Straße ist es hier trocken und windgeschützter, und das kann im Winter den Unterschied machen und dir das eine oder andere Mal das Leben retten.
Er wacht auf, als ein Auto in die Garage fährt.
Die Scheinwerfer schneiden durch die Dunkelheit, er hebt instinktiv eine Hand vors Gesicht. Als der Motor ausgeht und die Schritte sich entfernen, lauscht er noch eine Weile, bis wieder Ruhe einkehrt und er die Decke wieder über den Kopf zieht. Weiterschlafen ist heute unmöglich, irgendwo im Umkreis auf einmal ganz viele Folgetonhörner, viele Feuerwehrfahrzeuge sind im Einsatz.
Wie jeden Morgen prüft er zuerst seine Sachen. Tasche da, Schlafsack da, Rucksack mit den Dokumenten da. In einem Rucksack hat er alles, was von seinem „früheren Leben“ übrig ist: ein paar Fotos, ein alter Ausweis, ein Brief, den er nie wegwerfen konnte, Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis, das schon sehr in Mitleidenschaft gezogene Scheidungsurteil.
Dann richtet er sich mühsam auf. Seine steifen Gelenke schmerzen, besonders die Knie. Die Jahre auf Baustellen, die Stürze, die Kälte, sie haben tiefe Spuren hinterlassen. Manchmal knirscht es regelrecht, wenn er sich bewegt.
Er packt zusammen, bevor jemand offiziell kommt und ihn vertreibt. Martin* weiß: Er ist hier nie wirklich willkommen. Er ist nur geduldet, und auch das nur, solange niemand sich beschwert und solange nicht Peter von der Security vorbeikommt, Peter verjagt alle, mit einem schäbigen Lächeln, man könnte meinen er lebt auf, wenn er Obdachlosen etwas zu Fleiß tun kann.
Der Tag auf der Straße:
Die Weihnachtszeit ist für Martin* ein zweischneidiges Schwert.
Einerseits ist da diese unerträgliche Konfrontation mit einem Leben, das er nicht hat. Lichter, Geschenke, Familien, warme Wohnungen und eine stille gemeinsame Zeit.
Andererseits sind die Menschen in dieser Zeit manchmal etwas großzügiger. Die Spendenbereitschaft steigt, jemand kauft ihm einen Kaffee, bringt ein warmes Essen, wirft ein paar Cent in den Becher. Es ist ein zartes, aber real spürbares Auf und Ab zwischen Schmerz und Dankbarkeit. Das Leben als Obdachloser zwischen Hoffnung und Absturz, zwischen Leben und Tod, das der Winter mit sich bringt, ist jeden Tag eine Prüfung, jeden Tag tut dieses Leben weh, sehr weh.
Martin* bewegt sich viel, um nicht völlig auszukühlen. Er geht durch die Straßen, beobachtet die Leute. Er stellt sich nicht immer hin und bittet aktiv. Oft sitzt er nur da, mit seinem Pappbecher, und hofft.
Er kennt die Blicke:
- Die schnellen, die ihn streifen und gleich wieder weg sind.
- Die harten, die ihn durchbohren, als wäre er selbst schuld am Schicksal aller.
- Die gleichgültigen, die durch ihn hindurchsehen, als wäre er Luft.
Er kennt aber auch die anderen:
Die Blicke, in denen noch Menschlichkeit und Würde lebt, wo die Hoffnung auch noch einen kleinen Platz findet im Lächeln mancher Menschen, die kurz innehalten, bevor eine Hand in der Tasche nach Kleingeld tastet.
Eine Frau mittleren Alters bleibt an diesem Vormittag stehen. Sie hat einen Becher in der Hand, wahrscheinlich vom Bäcker.
„Mögen Sie Kaffee mit Milch?“ fragt sie.
Martin* nickt. „Sehr gern.“ Sie drückt ihm den Becher in die Hand. „Ist frisch. Ich hoffe, er ist noch heiß.“
„Danke“, sagt Martin*, und er meint es ernst. Nicht nur für den Kaffee, sondern für den Blick, der ihn begleitet und der sagt: „Ich habe dich gesehen und du bist nicht unsichtbar.“
Natürlich trifft er auch auf Menschen, die ihn absichtlich verletzen.
Ein Jugendlicher ruft im Vorbeigehen: „Such dir einen Job, dreckiger Sandler!“ Seine Freunde lachen. Keiner von ihnen weiß, wie viele Jobs Martin* schon hatte, wie viele Chefs ihn ausgenutzt haben, wie viele Termine er bei Ämtern nicht geschafft hat, weil er schlicht überfordert war von der großen Willkür in den Amtsstuben.
Er könnte es ihnen erklären. Aber sie würden wahrscheinlich ohnehin nicht zuhören und ihn vielleicht auch noch auslachen.
Die Verteil-Donnerstage, ein Fixpunkt in der Woche:
Am Donnerstag verändert sich etwas in seinem Gesicht.
Es ist immer noch markant, hart, von der Straße gezeichnet, aber in seinen Augen liegt ein kleines Aufleuchten, er freut sich schon sehr auf den Nachmittag.
Donnerstag heißt: Obdachlosenhilfsaktion.
Donnerstag heißt: Anstellen, warten, aber auch wissen, dass am Ende der Schlange etwas Gutes steht.
Wenn er dort ankommt, sieht er schon die vertraute Szene. Leute, die mit anpacken, Regale, in die Lebensmittel eingeräumt werden, Brote, die kontrolliert, aufgebacken und neu verpackt wurden. Es ist ein geordnetes Chaos, voller Hände und großer Herzen, die sich bemühen, aus wenig ganz viel zu machen.
Er reiht sich ein. Man kennt ihn schon vom Sehen.
„Servus Martin*, wie geht’s dir?“
Diese Frage hört er hier häufiger, und jedes Mal merkt er, dass sie ehrlicher klingt als irgendwo sonst in anderen Einrichtungen. „Na ja, die Knochen tun weh“, sagt er. „Aber der Donnerstag… der ist gut.“ Und das ist nicht übertrieben, der Verteil-Donnerstag ist für ganz viele Menschen da und hilft zu überleben, jeden Tag.
In der Ausgabe bekommt er Lebensmittel für die nächsten Tage. Brot, etwas Wurst und Aufstrich, Obst, vielleicht ein Joghurt, manchmal ein Wurstsemmerl für sofort zum Essen. Er hält die Sachen fest, wie kleine Schätze.
Besonders dankbar ist er für Kleidung. Eine neue (gebrauchte) Hose. Neue Socken und neue Unterwäsche, eine warme Haube, ein dicker Pullover. Hier weiß er, niemand verurteilt ihn dafür, dass er bitten muss um Hilfe. Niemand sieht auf ihn herab, wenn er sagt: „Meine Schuhe sind durch, es ist ständig nass drin, darf ich bitte neue Schuhe haben?“
Manchmal hilft ihm jemand auch ganz konkret: „Die Socken sind dicker, die sind gut für kalte Tage.“ „Diese Jacke hält besser den Wind ab.“
Diese Sätze sind praktische Hilfe und gleichzeitig Respekt.
Sie sagen ihm: „Du bist es wert, dass man sich Gedanken macht, was dir hilft.“
Wenn er vor Beginn an diesem Donnerstag einen heißen Tee in den Händen hält und auf einer Bank sitzt, dann spürt er einen Moment lang so etwas wie Frieden. Der Tee wärmt nicht nur den Bauch, er wärmt auch etwas in ihm, das er lange verloren glaubte, das Gefühl, dass er nicht komplett allein ist. Beim Verteil-Donnerstag werden immer wieder Gespräche geführt zwischen den Betroffenen, die gut tun und die wichtig sind, für jeden von uns.
Weihnachten und die Gedanken, die niemand sieht:
Heiligabend. Die Straßen sind wie verwandelt. Tagsüber lebendig, am Abend plötzlich eigenartig leer. Die meisten Menschen sind daheim, bei ihren Familien, bei Freunden. Drinnen, im Warmen, ohne einen Gedanken an obdachlose Menschen.
Martin* streift durch die Stadt. Die Weihnachtsbeleuchtung brennt noch, aber ohne das Stimmengewirr der Menschen wirkt sie wie eine Kulisse aus einem Theaterstück, in dem die Schauspieler schon gegangen sind und die Bühne verlassen haben.
Er denkt an früher. An Weihnachten bei seinen Eltern.
An den Geruch von Schweinsbraten mit Semmelknödel und warmen Krautsalat. An das Klangwirrwarr aus Lachen, Radio, Geschirr, an zärtliche Gesten wo seien Hand gehalten wurde.
Er hat schon viele Jahre keinen „richtigen“ Heilig Abend mehr verbracht. Kein gemeinsames Essen, kein „Frohe Weihnachten“ über einem gedeckten Tisch, kein Geschenk für ihn, kein Geschenk, das er jemandem schenken könnte.
Heute hat er eine Decke, einen Schlafsack und eine Ecke in der Tiefgarage. Vielleicht ist der Security heute in Weihnachtsstimmung und sagt nichts. Vielleicht auch nicht. Er weiß es nicht.
In solchen Momenten schleicht sich der Gedanke in ihn hinein:
„Bin ich irgendwann einfach verschwunden von dieser Welt? Würde es überhaupt jemand bemerken?“
Diese Gedanken spricht er selten aus. Sie machen ihn verletzlich. Und auf der Straße ist Verletzlichkeit gefährlich. Also presst er sie irgendwo in sein Inneres, hinter diverse Schichten aus Humor, Zigarettenrauch und gespielter Gelassenheit, hinter sarkastischen Worten und fremd gewordener Gewohnheiten.
Ein kleines Geschenk und die Wucht dahinter:
Am Nachmittag des 24. steht Martin* an einer Ecke, etwas abseits des Trubels. Ein paar Menschen eilen noch mit den letzten Einkäufen durch die Fußgängerzone, aber es ist schon deutlich leerer als sonst.
Da kommt eine Gruppe vorbei: Zwei Frauen und ein Mann, alle mit Hauben und dicken Jacken, und ein Karton in der Hand. Auf dem Karton: kleine, weihnachtlich verpackte Päckchen.
Einer aus der Gruppe bleibt vor Martin* stehen.
„Grüß dich. Wir haben ein paar Pakete vorbereitet für Leute auf der Straße. Würdest du eines haben wollen?“ Martin* schaut ihn einen Moment lang fassungslos an.
„Für mich?“ „Ja, wenn du magst.“
Der Mann drückt ihm ein Päckchen in die Hand. Darauf ein kleiner Aufkleber: „Frohe Weihnachten“.
„Pass auf dich auf“, sagt die Frau neben ihm noch, bevor die Gruppe weitergeht und sich dem nächsten obdachlosen Menschen zuwendet.
Martin* bleibt zurück mit dem Paket in der Hand.
Er dreht es, betrachtet das Papier, fährt mit dem Finger eine Sekunde über den Aufkleber. Für ihn ist das nicht einfach ein „Paket“. Es ist eine Botschaft: „Du bist nicht völlig vergessen.“
Er setzt sich auf eine Bank und öffnet es vorsichtig.
Drinnen sind ein Paar dicke Wollsocken, eine kleines Stück Schokolade, ein kleines Duschgel, ein Päckchen Taschentücher. Dinge, über die die meisten Menschen kaum nachdenken, wenn sie sie in den Einkaufswagen legen. Für ihn sind sie echtes Gold wert.
Er lächelt, ein echtes Lächeln, ein seltenes tief aus seinem Herzen.
Die Socken, denkt er sich, die ziehe ich heute Nacht sofort an.
Das Duschgel hebt er auf für einen Tag, an dem er in einer Einrichtung duschen kann, vielleicht in einem Tageszentrum, vielleicht bei einer Gelegenheit, die sich ergibt. Die Schokolade bricht er in Stücke und isst ein Stück gleich, den Rest verpackt er wieder und steckt er in seine Jacke.
Was niemand sieht: Während er die Schokolade im Mund zergehen lässt, läuft in seinem Kopf ein ganzer Film ab.
- Jemand hat sich hingesetzt und das eingepackt.
- Jemand hat sich überlegt, was mir helfen könnte.
- Jemand ist damit durch die Stadt gegangen, um es mir zu geben.
Für viele ist es „nur“ eine kleine Spende. Für ihn ist es ein Moment, in dem er spürt:
„Ich bin nicht nur die Summe meiner Fehler, ich bin nicht nur „der Obdachlose, ich bin ein Mensch, für den jemand gerade bewusst etwas getan hat.“
Gedanken in der Stille des Abends:
Später, wenn er wieder in der Tiefgarage in seinem Schlafsack liegt, die neuen Socken an den Füßen, das Paketpapier zusammengefaltet im Rucksack, denkt Martin* an den Satz, den einer der Ehrenamtlichen aus dem Team der Obdachlosenhilfsaktion einmal gesagt hat:
„Wir können dein Leben nicht von heute auf morgen ändern, aber wir können schauen, dass du heute nicht frieren musst, dass du was zu essen hast und dass du weißt: Du bist uns nicht egal.“
Diese Worte trägt er seitdem bei sich wie eine unsichtbare Notiz. Sie sind kein Happy End. Sie sind kein Märchen. Aber sie sind ein Grund, am nächsten Tag wieder aufzustehen und nicht liegen zu bleiben und auf den Tod zu warten.
Weihnachten auf der Straße ist hart. Die Kälte, die Einsamkeit, die Stille im Herzen, die Leere in den Straßen in der Nacht, während drinnen die Bäume leuchten und die Menschen feiern, all das frisst an der Seele, jeden Tag.
Aber dann sind da diese Verteil-Donnerstage in der Weihnachtszeit, das heiße Gulasch, die freundlichen Blicke, die Gespräche auf Augenhöhe und die große Wertschätzung. Dann sind da diese kleinen Pakete, Hauben, neue Socken und neue Unterhosen, Schokolade, ein heruntergerissener kleiner Zettel, ein ehrliches „Frohe Weihnachten“.
All das macht die Wunde nicht ungeschehen. Aber es verhindert, dass sie völlig vernarbt und versteinert. Für Menschen wie Martin* bedeuten solche Gesten:
„Es gibt noch etwas Gutes da draußen. Es gibt noch Menschen, die nicht wegschauen.“
Und manchmal ist genau das der Unterschied zwischen tiefster Verzweiflung und einem Funken, der „Vielleicht“ heißt. Vielleicht wird es eines Tages besser. Vielleicht gibt es wieder eine Tür, einen Schlüssel, einen eigenen Platz.
Bis dahin sind es die kleinen Dinge, die ihm etwas Hoffnung schenken und ihn durch die Nacht bringen:
Der Tee am Verteil-Donnerstag.
Das Päckchen am Heiligen Abend.
Die neuen Socken.
Und ein Satz, der leise in ihm nachklingt:
„Du bist uns nicht egal. Wir kümmern uns um dich, wir wechseln nicht die Straßenseite und hoffen gemeinsam mit dir, dass du eine echte Chance bekommst, dass jemand dir seine Hand entgegenstreckt und dir hilft.“
Diese Woche ist eine der schwierigsten Wochen des Jahres, wir kommissionieren gerade die letzten Spendenlieferungen für die Obdachloseneinrichtungen und Frauenhäuser, es werden gerade die Weihnachtsspenden zusammengestellt und abgeholt. Die Doppelbelastungen aus Verteil-Donnerstag, Spendenannahme, Spendenlieferungen und Spendenabholungen setzen unserem Team gewaltig zu. Unsere Hilde und unsere Anni sind zurzeit 3-4 Tage pro Woche im Lager, um alles zu bewältigen. Großartig was diese 2 Frauen leisten, dafür eine tiefe Verneigung und ein dickes DANKE!
Nicht nur weil wir in der Vor-Weihnachtszeit sind, bin ich dankbar, ich bin das ganze Jahr sehr dankbar, dass wir Menschen in großen Notlagen tatkräftig, schnell und direkt helfen dürfen, mit eurer tollen Unterstützung über all die Jahre, dass wir dann helfen dürfen und können, wenn die Menschen Hilfe brauchen und nicht erst dann, wenn irgendjemand festlegt: „Jetzt erst dürft ihr helfen“. Auch das gibt es liebe Leute, dass Hilfe erst geleistet werden kann, wenn höhere Instanzen, sprich Land O.Ö. oder Stadt Linz entschieden haben, hier darf/muss/soll geholfen werden. Auch das gibt es, ja!
Die Tage in dieser Zeit sind schon lange und werden täglich länger, ich bin jeden Tag unterwegs, aber was sich zurzeit in der Nacht abspielt, das habe ich in dieser Intensität noch nie erlebt. Ich mache seit 15 Jahren Obdachlosenhilfe, und ich helfe gerne, zu jeder Zeit, wenn ein Mensch Hilfe braucht, aber dass man mich in einer Woche 4 Mal (!), jedes Mal zwischen 2 und 4 Uhr früh, nachts anruft und um Hilfe bittet, ist schon echt Wahnsinn! 4-Mal tief in der Nacht zuerst ins Lager fahren um das Not Paket holen um dann nach Linz zu fahren und zu helfen, ist ein Pensum, das ich in dieser Intensität nicht mehr lange durchhalte.
Zum Beispiel ging es um 3 Uhr früh um eine Frau, 67 Jahre alt, sie wurde delogiert und auf die Straße gesetzt, kann mit dieser Situation gar nicht umgehen, hatte keine Winterjacke, trug lediglich kaputte Sommerschuhe, hatte keine Socken und die Unterwäsche hat sie entsorgt und trägt seither keine mehr. Tränen über Tränen, und dann große Dankbarkeit. Lediglich der Security war empathisch kalt wie der gefrorene Asphalt, der uns dahingehend drängte, den Platz vorm Bahnhof zu verlassen, sofort!
Bei einem weiteren Nachteinsatz wurde ich zu einem jungen Mann gerufen, der nur in Socken und Unterhemd unterwegs war. Ich hatte die richtige Jacke, die richtigen Schuhe, warme Thermo-Unterwäsche und alles was er brauchte, mit dabei. Auch hier wirklich große Dankbarkeit und Anerkennung.
Komme ich von so einem Nachteinsatz zurück, ist „weiterschlafen“ unmöglich, mein Adrenalinspiegel ist so hoch, dass ich oft mein Herz beim Hals heroben spüre, wie es schlägt…pocht….pumpert, als gäbe es kein Morgen mehr. Diese Einsätze sind nicht nur mental sehr anstrengend, sondern auch logistisch und organisatorisch. Eine Anstrengung, der ich zurzeit nicht mehr gewachsen bin, ich schaffe diese Strapazen nicht und dieses ganze Arbeitspensum, ich muss zurückstecken. Aber wie wenn niemand Verantwortung übernehmen möchte?
Unser Verteil-Donnerstag nimmt mit den neuen Mitgliedern und tollen Menschen einfach wunderbare Formen an, ich bin überglücklich über alle neuen Mitglieder, die uns jede Woche helfen. Sie leisten großartige Arbeit. Die Vorbereitungen am Vormittag sind früher als sonst abgeschlossen, alles spielt sich immer besser ein, alles geht immer noch schneller.
Der Teamgedanke, der Zusammenhalt wird mit jedem Tag besser und tiefer, worüber ich sehr glücklich bin. Und es melden sich fast jeden Tag Menschen, die bei uns mitmachen möchten.
Zum Mittagstisch heute gibt es panierten Käseleberkäse von Anni, mit Salat und Kartoffeln. Es war wieder sehr gelungen, danke liebe Anni!
Harald und Verena laden den Bus mit den Lebensmitteln, alles andere lade ich noch ein kurz bevor wir nach Linz fahren. Heute brechen wir um 14 Uhr auf, Sonja und Manuela sind meine Gäste im Bus. Im Nu sind wir auf unserem Verteilplatz auf dem ÖBB Gelände.
Als erstes starte ich den kleinen Gasofen, den ich für unser Büro kaufte und der das Büro an den Verteil-Donnerstagen ein klein wenig temperiert, damit sich unser Team und unsere Schützlinge ein bisschen wärmen können.
Wir laden alle mitgebrachten Lebensmittel aus dem Bus und ein 2. Team schlichtet alles in die Regale, was heute im Eilzugstempo passiert. Alle Regale sind aufgefüllt, Getränke sind auch genug da und im Vorfeld schenken wir heißen Tee aus, unser Tony schwärmt jede Woche von unserem heißen Tee: „Walter, das ist der beste Tee den es gibt“.
Um 15.45 Uhr starte ich den Laptop, um mich in die virtuelle Umgebung einzuklinken und unsere Software zu starten. Die Warteschlange ist etwa 30 Menschen lang und bevor wir mit der Ausgabe beginnen, bitten schon einige unserer Schützlinge um Winterschuhe. Alle sind heute in Turnschuhen bzw. in Sneakers hier, teilweise kaputt und abgetragen, teilweise einfach schon sehr kalt beim Anschauen. Bitte, erst wenn ihr dran seid, kann ich euch für Schuhe vormerken. Erst wenn alle Dokumente geprüft wurden.
16 Uhr, wir beginnen mit der Ausgabe, Tony ist der Erste und er braucht wieder Gas-Kartuschen, um sich Wasser aufzukochen für einen Tee bzw. eine Suppe, danach kommt Thomas, ein Punk, den ich gerne mag, weil er einfach ehrlich und unkompliziert ist. Er erzählt mir dass er seinen Hund gestern einschläfern lassen musste. Und diesem Menschen stehen plötzlich Tränen im Gesicht, was ich nie geglaubt hätte. Der Hund und Thomas waren eine Einheit, über ganz viele Jahre, niemals hat man von diesem Hund auch nur ein kleines Bellen gehört, niemals. Und jetzt ging er über die Regenbogenbrücke.
Der Verteil-Donnerstag heute am Monatsbeginn lässt vermuten, dass heute nicht so viele unserer Schützlinge kommen werden, weil es für manche ein klein wenig Geld gab am ersten des Monats.
Trotzdem werden es am Ende wieder 72 Menschen sein, die unsere Hilfe suchten, 72 Schicksale am Rande der Gesellschaft.
Frau M. war auch wieder da, ich brauchte noch ihre Unterschrift auf den Kassa-Ausgansgzettel für die Auszahlung vom großartigen Beitrag aus Tirol, der zweckgewidmet von unseren Tiroler Freunden gespendet wurde. Es war nun die letzte Auszahlung aus diesem Beitrag, da wir auch einiges an Zahlungen hatten. Frau M. geht es heute gar nicht gut, sie wirkt verstört und kränklich, sie friert und möchte am liebsten gar nicht auf die Straße bei dieser Kälte. Ich nehme sie vor und schaue dass sie schnell wieder weg kommt aus der Kälte.
Sonja hilft mir heute bei der Anmeldung und verteilt an alle 2 Zigaretten, F. steht bei mir bei der Anmeldung und bittet um Winterschuhe, weil seine total kaputt sind, Sonja gibt ihm ein Schuhe-Markerl und er geht lächelnd an mir vorbei. Zusätzlich soll es eine neue Unterwäsche und neue Socken werden, auch das kann er bekommen.
Frau B. ist als nächstes dran, und sie streitet immer noch alles ab, als wir sie vor etwa 4 Monaten, beim Versuch uns aus dem Anhänger einen Rucksack zu stehlen, erwischt haben. Wir erheben solche Verdachtsmomente nicht einfach grundlos, sie wurde dabei beobachtet und gesehen, das ist Fakt, und hier kann ich nicht warten sondern muss sofort Konsequenzen umsetzen. Ich schenke ihr kein Gehör, weil ich weiß dass es nicht die Wahrheit ist, was sie mir grade vorwirft. Aber ich ziehe mir diesen Schuh und diesen Vorwurf nicht an, das geht an mir vorbei.
Der heutige Verteil-Donnerstag verläuft ruhig, still und gesittet. Konrad* kommt grade auf uns zu, man muss wissen dass er im Alter von 14 Jahren von seinem „geliebten“ Vater auf die Straße gesetzt wurde, weil Konrad* nicht so funktionierte wie das der Vater wollte, und die Mutter ist bis heute zu schwach, sich durchzusetzen. Konrad* versteht es halt heute noch nicht, wie Eltern so sein können. Seit fast 20 Jahren ist dieser Bursche auf der Straße und das Leben auf der Straße hat ihn schwer gezeichnet, tief geprägt. Seine Tränen versucht er gar nicht zu verbergen, er lässt den ganzen Schmerz, der ihn peinigt, heraus und er würde es gerne verstehen, kann es aber nicht. Der geliebte Vater wirft ihn als Jugendlicher aus der Wohnung, mit dem Vorsatz dass es ihm scheissegal war, was mit seinem Sohn passiert. Meine Gedanken drehen sich um eine Tatumkehr, was wäre wenn er plötzlich delogiert werden würde, wie würde er damit umgehen? Diese Gedanken tun mir nicht gut, deshalb helfen wir lieber Konrad* als seinem Vater eine Bühne zu geben.
Siegrid ist auch heute wieder da, habe sie ein paar Wochen nicht gesehen und machte mir Sorgen, weil sie normal jede Woche zu uns kommt. Sie schaut nicht gut aus, hat stark abgenommen und redet nicht viel. Das Verhalten passt so gar nicht zu ihr.
Dann steht Marco hier, der normal mit Ulla kommt, die aber heute krank und mit tiefer Depression im Bett liegt. Marco zeigt mir die geforderte Einzahlung an die Wohnungsgenossenschaft. Eine Spenderin überwies uns 1200,- für Ulla und Marco, damit sie die Mietrückstände bezahlen können und die Delogierung obsolet wird. Danke an dieser Stelle für die großartige Unterstützung. Marco ist heute so positiv und voller Hoffnung, weil die Delogierung abgewendet wurde und er und Ulla jetzt wieder eine Perspektive haben.
Dann, als nächstes steht ein großer Mann vor mir, der mir mit leiser Stimme sagt: „Mir scheisst grade das Leben mächtig rein, habe meinen Job verloren und bin krank, habe alles verloren, bitte hilf mir“. Ich frage nicht nach, nehme seine Daten auf, mache ein Bild für unsere Datenbank und winke ihn vorbei, zur Lebensmittelabteilung. Ich sehe dass seine Schuhe derart kaputt sind und gebe ihm noch ein Markerl mit, dass er sich neue Schuhe holen kann, das er so beantwortet: „Bitte gebt die Schuhe wem anderen, der sie dringender braucht, ich binde mir die Sohle wieder rauf und gut ist“.
Jene die wenig bis gar nichts mehr haben, achten peinlichst genau darauf, niemand anderem etwas wegzunehmen, da könnte sich die dekadente, abgebrühte und egoistische Gesellschaft ein großes Stück Charakter abschneiden, an diesem Beispiel könnten viele fürs Leben lernen, ich wette sie wechseln lieber die Straßenseite als über diese Dinge einmal intensiv nachzudenken.
Der Verteil-Donnerstag ist heute eher ruhig, still und fast schon unheimlich, die Dunkelheit ist eingezogen und zeichnet uns so manchen Schatten auf die Stirn und macht es zunehmend kälter. Zwischendurch gehe ich immer durch die Runden des Teams, frage nach ob eh alles OK ist, was mir sehr wichtig ist, dass niemand überfordert ist. Die Gespräche mit meinem Team sind sehr fruchtbar, weil alle tolle Ansichten und Meinungen haben. Ich danke Gott für diese Menschen, dass sie den Weg in unseren Verein gefunden haben.
Im Anmarsch sind S. und C., beide nüchtern, sie wohnen zusammen in einem Zelt, verstehen sich gut. S. hat seit 2 Jahren einen künstlichen Seitenausgang und C. ist eigentlich drogensüchtig, heute ist er absolut clean, was mich sehr freut. Beide sind noch keine 40 und vom Leben auf der Straße mehr als gezeichnet. Menschen ohne regelmäßiger ärztlicher Versorgung leben im Schnitt 20 Jahre kürzer als jemand, der immer zum Arzt gehen kann. Eigentlich ist auch diese Statistik so etwas von menschenverachtend, weil die Politik trotz der Kenntnis dieser Statistik, nichts unternimmt. Ich sage immer, man kann einen Politiker hernehmen, mit diesem einen kann man alle andere erschlagen, man trifft da keinen verkehrten. Das ist zwar eine echt böse Aussage, aber im Kern ist es die Wahrheit. Ich kenne keinen einzigen ehrlichen, aufrichtigen und um den Bürger bemühten Politiker. Sie selbst stopfen sich die Taschen voll und nehmen den Bürger auf eine Weise aus, die einfach nur noch frech und abstoßend ist.
Langsam weicht der Verteil-Donnerstag aus dem heutigen Tag, langsam beginnen wir, alles abzubauen und einzuräumen. Und als wir alles eingeräumt hatten, stand Sabrina* mit ihrem Fahrrad da und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie die Zeit übersah, wir hatten aber schon alles eingeladen, unser Team stellte schnell noch eine Plastiktasche voller Lebensmittel zusammen und sie erinnerte mich noch an das versprochene Handy, das ich zuletzt immer mitschleppte, die liebe Sabrina* kam aber nicht, deshalb liegt das Handy nun in Ansfelden. Nächste Woche nehme ich es mit, versprochen.
Im Nu ist auch der Anhänger angehängt, und wir brechen auf in Richtung Lager Ansfelden. Wo wir wieder alle zusammenhelfen, um alles auszuladen und wieder einzulagern. Ich danke dem Herrn für dieses großartige Team. Vergelt’s Gott!
Ich aber sitze nun seit über 8 Stunden hier und formuliere jeden Satz mehrmals um, um es euch verständlich zu machen. Leider habe ich nach diesem anstrengenden Samstagvormittag im Lager nicht mehr die Kraft, die Linz-Tour zu fahren, deshalb sind gerade noch Christian, Michaela und M. unterwegs zu den Schlafplätzen um die Obdachlosen mit allem Nötigen zu versorgen.
Mir geht schlicht die Kraft aus, ich schaffe die ganze Anstrengungen nicht mehr und muss achten, dass es mich nicht umhaut.
In diesem Sinne schließe ich dieses Posting und wünsche Euch einen stillen 2. Advent und alles liebe.
Gott segne euch!
*= Namen geändert
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